501)
Der Psychologische Ursprung der Wertgesühle und -urteile.
einen allgemeinen Wertzusammenhang stellen; sie sind ein Ergebnis der Sprache, derVerständigung, der gesellschaftlichen Zusammenhänge. Und so steckt in jedem subjektivenWerte ein Objektives.
Jedes Wertgefühl und Werturteil hat so eine Doppelnatur: es ist in der Seeledes einzelnen entstanden, von dem Individuum, seinen Trieben und Anlagen, seinenSchicksalen, seiner augenblicklichen Lage und Reizung bedingt, aber es ist zugleich derAusdruck von Gefühlen, Vorstellungen nnd Überlieferungen eines gesellschaftlichen Kreises,einer geistig-foeialcn Atmosphäre. Der Egoist wertet anders als der, welcher sich ausden Standpunkt der Familie oder eines sonstigen weiteren Kreises stellt. Aber auchder Egoist glaubt sicher nur an sich, wenn er sich in einer gewissen Übereinstimmungmit anderen weiß. Die Mehrzahl der Menschen halten das für wert, was eine Autorität,ein gesellschaftlicher Kreis bereits so geschätzt hat, was bisher von der öffentlichen-Meinung dafür erklärt wurde, Uud das um so mehr, je naiver und primitiver der einzelneist, je mehr er noch als Herdentier fühlt und urteilt. Der hochgebildete, moderne Menschist individueller, wird also auch individuellere Werturteile haben. Auch bei ihm jedochwird oft, ja meist das freieste subjektive Wertgefühl nichts als eine Modifikation desgesellschaftlich-objektiven Wertes sein, die der einzelne nach seiner persönlichen Stimmungund Lage gegenüber dem Urteil der übrigen vorzunehmen wagt.
Der ganze historische Entwickelungsprozeß menschlichen Fühlens und Urteilensist der Boden, auf dem der Wert erwächst. Wie das Tier im Instinkt das ihmNützliche durchschnittlich richtig wertet, so sind es beim Menschen erst instinktive Gefühle,dann die Triebe und Bedürfnisse, die ihn dabei beherrschen; aus dem physisch-animalischenLeben, aus den praktisch-technischen Erfahrungen erwachsen die Wertungen, die demMenschen zeigen, was ihn am besten nährt, wärmt, fördert, womit seine Arbeit amweitesten kommt. Und indem er höhere Gefühle ausbildet, indem die feineren undedleren Bedürfnisse entstehen, verfolgt er höhere Zwecke auf Grund der höheren Gefühle;es entstehen so neue Gruppen von Werten, Werturteilen und -Vorstellungen, die teil-weise nicht mehr auf ein Haben, Besitzen, Arbeiten, sondern auf die Existenz gewisserVerhältnisse, auf ein Anschauen und Genießen, aus die Herstellung socialer Einrichtungen,ästhetischer Erscheinungen, sittlicher Zustände gerichtet sind.
Das wirtschaftliche Werturteil in dem Sinne der Schätzung der Nährmittcl, derBekleidung, des Obdachs für die menschliche Existenz ist vielleicht eines der ältesten;aber es paart sich früh mit dem socialen Werturteil der Ehre, mit dem Bedürfnis desGcfchätztseinwollens; indem gesellschaftliche Institutionen entstehen, bildet sich daspolitische Werturteil, die Schätzung der Institutionen für die Zwecke der politischenOrganisation; mit der Musik, den Künsten entsteht das ästhetische, das musikalischeWerturteil, mit der Wissenschaft das wissenschaftliche Werturteil. Es bildet sich keinSondergebiet aus, ohne daß neue Arten des Wertes entständen. Aber sie hängen allezusammen, wie die menschlichen Zwecke selbst; sie haben im menschlichen Selbstbewußt-sein ihren Mittelpunkt. Sie kämpfen und ringen notwendig mit einander. Die altenGesühlsdispositionen werden nach und nach von neuen modifiziert und verdrängt. Esfindet stets mit der Entwickelung eine größere oder kleinere Umwertung aller Wertestatt. Aber stets muß sich ein Gleichgewichtszustand, eine Ordnung, eine Hierarchieder Werte wiederherstellen. Und das kann nur geschehen von einem Überblick überdas Ganze des Lebens, d. h. alle Werte müssen sich jederzeit im sittlichen Werturteilzusammensassen. Das sittliche Urteil beruht ja gerade auf der richtigen Wertung derVerschiedenen menschlichen Zwecke untereinander, auf ihrer geordneten Einheit. Diesittliche Wertordnung ist das höchste und letzte Ergebnis des Wertgefühls und -Urteils.Alle anderen gesellschaftlichen, ästhetischen, technischen, politischen und sonstigen Wert-urteile, vor allem auch das wirtschaftliche, siud nach der Seite der Zweckordnnng undder sittlichen Folgen im sittlichen Wertbcwußtsein mit enthalten. Es handelt sichgleichmäßig bei allen Wertungen um das Suchen und Finden des Lcbensförderlichen,vom niedrigsten Mittel äußerer Zweckmäßigkeit bis zur idealen Ordnung des sittlichvernünftigen Lebens. Das Nützliche, das Brauchbare ist das Lebensförderliche, aber