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Die zahlenmäßige und die psychische Wirkung von Angebot und Nachfrage.
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Macht. Man denke, wie organisierte Arbeiter oft ihre Lohnhöhe gegen die Marktlageverteidigen, ebenso die Unternehmer das Lohnsteigen zu hindern wissen; man erinneresich, wie in ruhigeren Geschäftszeiten die Wechsel- und Effektenkurse, die Diskontosätze,vor allem die der Bank von Frankreich , sich monate- und jahrelang trotz mancherkleiner Schwankungen von Angebot und Nachfrage stabil oder sast stabil erhalten. Derfrühere gesetzliche Zinsfuß blieb jahrzehntelang auf demselben Niveau, trotz sehr starkerSchwankungen von Angebot und Nachfrage. Ich möchte ein Gleichnis gebrauchen.Der Tauschwert erscheint mir wie ein zwischen Schienen befindlicher beweglicher Kolben,der durch einen Druck von oben und unten (Angebot und Nachfrage) auf- und abbewegtwerden kann; diese Bewegung ist aber nicht nur von dem Kraftüberschuß des einengegenüber dem anderen Drucke abhängig, sondern auch von der festeren oder loserenPressung zwischen den Schienen; der hier vorhandene Reibungswiderstand kann unterUmständen ebenso jede Änderung hindern wie es der gleich starke Druck von oben undunten thut.
d) Der weitere wichtigste Punkt ist der, daß Angebot und Nachfrage, wie wirschon bei der Erörterung der Konkurrenz sahen, insofern sehr häufig schwankende Größensind, als ein weiterer Kreis von Anbietenden und Nachfragenden vorhanden ist, derbei ihm zusagendem Preise auch ver- und einkaufen würde, und ein engerer, der aufdem augenblicklichen Markt allein zum Geschäft kommt, weil der durch Feilschen ent-stehende neue Marktpreis ihm paßt. Aus den jeweiligen subjektiven Wertschätzungender Käufer und Verkäufer ergiebt sich die Grenzziehung zwischen der äußersten möglichenund der effektiven Größe von Angebot und Nachfrage. Es ist das Verdienst Böhm-Bawerks, die Wirkung der möglichen Verschiedenheit der subjektiven Wertschätzungen ausden Tauschwert und seine jeweilige Bildung durch glücklich gewählte Zahlenbeispieleanschaulich gemacht zu haben. Die verschiedenen subjektiven Wertschätzungen erscheinendabei als jeweilige stärkere oder geringere Verkaufs- und Kauflust.
Ein Pferdebesitzcr will sein Pferd verkaufen, aber nicht unter 300 Gulden, seinNachbar will ein Pferd kaufen, aber nicht so viel geben; es kommt kein Geschäft zustände. Will aber umgekehrt jener nur 100 Gulden haben, dieser eventuell 300geben, so wird ein Abschluß zwischen 100 und 300 an irgend einem Punkte möglichsein; die Kunst des Feilschens, die Gewandtheit, die wirtschaftliche Lage beider wird denPunkt bestimmen; schließen sie bei 200 ab, so hat jeder gegenüber seiner ursprünglichsubjektiven Schätzung einen Gewinn von 100 gemacht. Der Abschluß kann aber auchbei 120 oder 180 stattfinden, je nach den Ursachen, welche das Feilschen beherrschen.
Böhm-Bawerk führt dann das Beispiel in dem Sinne weiter, daß mehrere Kans-lustige einem Verkäufer, mehrere Verkaufslustige einem Käufer gegenüber stehen. Im ersterenFall siegt der tauschfähigste Bewerber, d. h. der, welcher die Ware im Vergleich zumPreisgut am höchsten schätzt, im zweiten Fall verkamt derjenige, welcher seine Ware imVerhältnis zum Preisgut am niedrigsten schätzt. Gewöhnlich aber stehen sich mehrereKauflustige und Verkanfslustige auf dem Markt gegenüber. Der Verfasser fingiert,daß von zehn gleiche Pferde begehrenden Liebhabern jeder feinen Wunsch zu kaufen —nach seiner subjektiven Schätzung — etwas höher beziffere, von 150 bis zu 300 Gulden,daß von 8 Verkaufslustigen in ähnlich abgestufter Weise der erste zu 100, der letztenur zu 260 verkaufen wolle. Das Ergebnis des Feilschens werde, wenn alle Beteiligtenüber die Marktlage voll unterrichtet seien, dahin gehen, daß die Käufer, welche diePferde am höchsten, die Verkäufer, welche sie am niedrigsten schätzen, 5 Paare zumGeschäftsabschluß bei einer Preislage von 210—215 kommen, weil nach den subjektivenSchätzungen bei diesem Marktpreis (210—215) von den 5 Paaren jeder durch dasGeschäft noch einen Gewinn mache. Die übrigen werden vom Geschäft ausgeschlossen,weil jeder mehr an subjektivem Wert hätte opfern müssen, als er bei dem Marktpreisvon 210—215 hätte erhalten können. Ob der Marktwert bei 210 oder 215 oderdazwischen sich fixiere, hänge von den persönlichen Eigenschaften der 5 Paare ab. DasFeilschen dauere so lange, bis die größtmögliche Zahl von Tauschpaaren bei einemMarktwert gesunden sei, welcher jedem der tauschenden Paare einen kleinen oder großen