112 Trittes Buch. Der gesellschaftliche Prozeß des Güterumtauses u. der Einkommensverteilung. ^579
Gewinn lasse. Böhm-Bawerk saßt sein Resultat in die Worte zusammen: „Beibeiderseitigem Wettbewerb stellt sich der Marktpreis innerhalb eines Spielraums fest,der nach oben begrenzt wird durch die Wertschätzungen des letzten noch zum Tauschkommenden Käufers und des tauschfähigsten ausgeschlossenen Verkaufsbewerbers, nachunten durch die Wertschätzungen des mindesttauschfähigen noch zum Tausche gelangendenVerkäufers und des tauschsähigsten vom Tausch ausgeschlossenen Kaufbcwerbers." Diegegenseitigen subjektiven Wertschätzungen kommen durch den Mechanismus gegenseitigenaus möglichst großen Gewinn bedachten Feilschens endlich zu einem Punkt, der alseinheitlicher Marktwert nun sür die sämtlichen zum Geschäft Kommenden in Kraft tritt,alle Abschlüsse beherrscht, die Käufer ausschließt, welche nicht so viel geben, die Ver-käufer, welche nicht so tief herabgehen wollten. Der Marktwert ist eine Resultante dersubjektiven gegcnsciti gen Begehrungen und Schätzungen, aber er ist kein zahlenmäßigerDurchschnitt derselben. Die Zahl der ausgeschlossenen Bewerber hat keinen Einfluß.Wenn noch 50 Verkäufer kämen, welche statt 210—215 250-300 begehrten, wennebenso viele Käuser auf dem Markt erschienen, welche sür ähnliche Pferde nur 100—200geben wollten, es würde das den Marktwert nicht beeinflussen.
e) So wenig das fingierte Zahlenbeispiel die unendliche Vielgestaltigkeit derMarkterscheinungcn erschöpfen kann, die Thatsache scheint doch durch dasselbe richtigveranschaulicht, daß in der Regel die Abweichungen der subjektiven Schätzung der Ver-käufer und Käufer die Grenzen bestimmen, innerhalb deren der neue Marktwert sichbildet, daß der Preis, der nun als einheitlicher den Markt beherrscht, durch gewisse inder Mitte stehende sich nähernde Schätzungen, denen sich eine Reihe anderer noch an-schließen können, bestimmt wird. Auch dürste die Tasel der Preisbestimmungsgründe,welche Böhm-Bawerk im Anschluß an die alten analogen von Hermann nun auf Grundseines Beispiels aufstellt, im ganzen richtig und erschöpfend sein. Es sind folgende vierBestimmungsgründe:
1. Die Zahl der auf die Ware (die Pferde) gerichteten Begehrungen;
2. die Höhe der Schätzungsziffern auf Seite der Käufer;
3. die Zahl, in der die Ware (die Pferde) feil ist, und
4. die Höhe der Schätzungszifferu auf Seite der Verkäufer.
Dabei zerfällt die Schätzung sud 2 und 4 je in zwei Glieder. Der Pferdekäuferschätzt a.) den Nutzen des Pserdes für seinen Gebrauch oder sein Geschäft und d) denWert, den das Preisgut, das Geld, für ihn hat. Der Pferdeverkäufer schätzt ebensoa) den Wert der Pserde und v) den des Geldes sür seine Zwecke. Unter 1 ist dieGröße der Nachfrage, unter 3 die des Angebots gemeint. Wir kommen auf ihre weitereAnalyse zurück. Unter 2 b und 4d ist die Thatsache gemeint, daß der subjektive Wertdes Geldes in jedem Augenblick, in jeder Lage, sür jedes Individuum (je nachdem esarm oder reich u. s. w. ist) einen abweichenden Wert haben kann. Unter 2 a und 4 aversteht Böhm-Bawerk den subjektiven Gebrauchswert im Sinne des Grenznutzens, d. h.jeder schätzt jedes Gut nach dem Nutzen, den der letzte Teil des besessenen Gutes sür dennoch zu bedeckenden unwichtigsten Zweck hat. Böhm-Bawerk giebt aber selbst zu, daßin der heutigen arbeitsteiligen Gesellschaft niemand einen verlorenen und zu ersetzendenÜberzieher nach seinem Grcnznutzen, sondern nach den Kosten schätzt, die ihm ein neuermacht. An die Stelle des Grenznutzens tritt sein „Substitutionswert". Und der Ver-käufer, z. B- Borsig, schätzt eine zu verlausende Lokomotive natürlich auch nicht darnach,welchen Nutzen ihm oder seinem Geschäfte eine weitere Lokomotive bringen könnte, wenner sie behält, statt sie zu verkaufen, sondern er schätzt sie nach den Kosten. Die Be-hauptung also, daß die subjektiven Schätzungen stets in letzter Linie vom Grenznutzenbeherrscht seien, löst sich praktisch auf dem heutigen Markte meist in anderweiteAnschaffung^ und Produktionskosten bez. in überlieferte objektive Maßstäbe undWerte auf.
ä) Bei dieser ganzen Betrachtung Böhm-Bawerks ist vorausgesetzt, daß alleBeteiligten über die Marktlage voll unterrichtet seien. Diese Voraussetzung trifft seltensür alle, sehr häufig nur für einzelne, fast stets sür die eine Seite oder Gruppe der