Teil eines Werkes 
2 (1904) Verkehr, Handel und Geldwesen : Wert und Preis ; Kapital und Arbeit ; Einkommen, Krisen, Klassenkämpfe, Handelspolitik ; Historische Gesamtentwickelung
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Giebt cs gerechte und ungerechte Werte?

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bildung anwenden will, übersieht die elementare psychische Thatsache, daß jede Wert-bildung, so gut wie jede andere gesellschaftliche Thatsache, dem Urteil unterliegt, ob sieden sittlichen Idealen entspreche, heilsam fürs Ganze und alle Teile wirke. Sie nimmtohne Beweis an, jede ungesunde Preisbildung sei etwas Vorübergehendes und tragestets eine Selbstkorrektur in sich: eine Herabdrückung des Lohnes z, B. decimiere dieBevölkerung und erzeuge dadurch wieder höheren Lohn; sie verkennt, daß die Proletari-sierung und die zu niedrigen Löhne leicht dauernde sein können. Sie steht aus demvon uns oben bekämpften Standpunkt, daß jede Größe von Angebot und Nachfragemit unabweislicher Folge eine bestimmte Werthöhe erzeuge, die nur mit dem Wechseldieser Größen wieder anders werden könne. Sie verkennt die psychischen und sittlichenUrsachen, die hier eingreifen, die Werte modifizieren.

Es scheint zur Klarstellung der Beurteilung des Wertes, wie sie vom sittlichenund gemein-wirtschaftlichen Standpunkt aus stets neben dem individuell-egoistischenersolgt und auch praktische Wirkungen hat, nötig, noch ein Wort über die Möglichkeitverschiedener Werturteile über dasselbe Gut und über die Frage gerechter Werte undPreise zu sagen.

Schon nach dem oben (§ 171) Ausgeführten sind abweichende Werturteile überdieselbe Ware oder Leistung zur selben Zeit nicht bloß zwischen verschiedenen Personen,sondern sogar von seiten derselben Person möglich, je nach den versalzten Zwecken undje nach dem Standpunkt, auf den sich die Urteilenden stellen. Wer die Zukunft mitin Rechnung zieht, an ein künftig mögliches Fallen oder Steigen des Wertes denkt,urteilt anders, als wer nur das Heute im Auge hat. Der Affektionswert ist fürdieselbe Person ein anderer als der Kaufwert, dieser als der Ertragswert. Wer ver-lausen will, urteilt etwas anders, als wer kaufen will. Wer nur an sich denkt, voll-zieht andere Werturteile, als wer das Gemeinwohl berücksichtigt. Im Kopf jedesWirtschafters stehen neben den rein subjektiven objektive Erwägungen; neben der Absicht,möglichst teuer zu verlausen, möglichst billig zu kaufen, ist eine Vorstellung vorhanden,daß ein Preis als hergebrachter, als den Kosten entsprechender, als auskömmlicher, denVerhältnissen und sonstigen Preisen angepaßter gerecht und billig sei oder nicht.

So erklärt sich ja auch einfach der Widerspruch zwischen allen Rechtsphilosophenvon Aristoteles bis Herbart und Trendelenburg einerseits, die für den gerechten Markt-verkehr verlangen, daß gleiche Werte aus dem Markte gegeneinander gegeben werden,und der Behauptung neuerer Nationalökonomen andererseits, die lehren, es könnteüberhaupt nur ein Geschäft zustande kommen, wenn der Verkäufer und der KäuferWare und Geld verschieden werteten. Beides kann und wird gleich wahr sein, jedesvon einem anderen Wertstandpunkt aus. Der obige Pferdeverkauf zu 220 Markt fetztvoraus, daß A das Pferd, B die 220 Mark im Moment etwas höher schätzt. Aberbeide entschließen sich leicht dazu, wenn ihre vorherigen subjektiven Schätzungen 220nahe standen, wenn ihre Vorstellungen von einem entsprechenden angemessenen Preisetwa zwischen 215 und 225 lagen. Dann sind für sie in der That das Pferd unddie 220 Mark im großen und ganzen eine Wcrtgleichung; der eine Wert wird als einStellvertreter des anderen betrachtet. Hatte der Verkäufer aber auf 300 gehofft, derKäufer nur 100 geben wollen, hatte vollends jeder feine fubjektive Schätzung in Über-einstimmung geglaubt mit dem bisherigen Marktwert, mit den Produktionskosten, mitdem durch das Pferd bez. seinen Verlaus zu erzielenden Gewinn, so suhlen sie sichbenachteiligt. Und zwar um so mehr, je mehr die Not sie zum Abschluß trieb, je mehrder eine vom anderen Machtmißbrauch oder gar Schlimmeres annimmt.

Wir werden allgemein sagen können: je kleiner die Abweichungen der Marktpreisevom hergebrachten oder vom gerecht empfundenen Werte sind, desto weniger werdegeklagt; der volkswirtschaftliche Prozeß gehe dann ruhig seinen Gang, alle Teile seienbefriedigt, könnten auskommen. Jede starke plötzliche Abweichung aber vom hergebrachtenPreise, jede Änderung, welche ganzen Klassen eine Einschränkung der Lebenshaltungauslegt, werde als Störung sür den einen Teil, als unbequeme oder gar als ungerechteÄnderung des Preises und des Einkommens empfunden. Aber auch Preis- und Wert-

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