Teil eines Werkes 
2 (1904) Verkehr, Handel und Geldwesen : Wert und Preis ; Kapital und Arbeit ; Einkommen, Krisen, Klassenkämpfe, Handelspolitik ; Historische Gesamtentwickelung
Entstehung
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116 Drittes Buch. Der gesellschaftliche Prozeß des Güterumlaufes u. der Einkommensverteilung. s^574

Verhältnisse, die schon länger bestehen, die vielleicht bisher als erträgliche und billigeangesehen wurden, können durch den Wechsel der Maßstäbe, durch neue Vergleiche mitanalogen Werten, die gestiegen sind, durch veränderte Ansprüche ans Leben, nun alsunbillige empfunden werden. Im einen wie im anderen Fall wird das um so mehrgeschehen, als die Preise mit dem rücksichtslosen Gebrauch der Macht und wirtschaft-lichen Überlegenheit zusammenhängen, als sie Folge der Ausnützung der Not und derUnkenntnis der Schwächeren sind. Sie werden eben dann als Not- und Wucherpreise,als Ausbeutung und Ungerechtigkeit bezeichnet werden; manchmal gewiß mit Unrecht,oft aber auch mit Recht.

Wir kommen damit zur allgemeinen Frage: giebt es einen gerechten Wert undPreis überhaupt? Und was ist sein Ursprung, seine Bedeutung, seine Folge?

Indem wir aus das verweisen, was wir allgemein über das Princip der Ge-rechtigkeit in der Volkswirtschaft (I S, 74 und 75) und über die Schranken und Regu-lierungen der freien Konkurrenz (II § 160, 161) sagten, geben wir zu, daß die Wert-erscheinungen zu einem erheblichen Teile nur Folge natürlicher Elemente, zufälligerEreignisse sind, daß sie von den unbeherrschteren Schicksalen der Völker mit bedingtsind. Aber das gilt nicht für alle Teile der Wertbildung; an vielen Stellen sehen wirklar, daß die Preise und ihre Änderungen von individuellem Willen, von gesellschaft-lichen Einrichtungen allein oder mit bestimmt sind. Und soweit das der Fall, sprechenwir von gerechtem oder ungerechtem Wert.

Nun ist freilich die Scheidung dieser zwei Gruppen von Thatbeständen und Ur-sachen der Wertbildung sehr schwierig. Der Mißmut der Betroffenen sieht leicht eineSchuld und erhebt Anklagen, wo keine vertretbaren Fehler vorliegen. Andererseitsgeneralisiert der rücksichtslose gewinnlustige Realist ebenso falsch; er sieht nur die Fälle,in denen Natur, Zufall, Schicksal die Preise für den verlierenden Teil so hart gestaltethaben, und behauptet deshalb allgemein, daß es sich in der Volkswirtschaft nur umGrößenverhältnisse und ihre Folgen handele, die einer sittlichen Betrachtung nicht unter-lägen. Zumal in einer materialistischen Zeit, in den habsüchtigsten Kreisen der Ge-schäftswelt hält man es für das gute Recht des Klugen und Geriebenen, jede Gewinn-möglichkeit mit äußerster Rücksichtslosigkeit auszunutzen. Und eine Gesellschaft mitfreiem Privateigentum und relativ freiem Verkehr muß das auch bis auf einen gewissenGrad dulden, wenn sie nicht die freie wirtschaftliche Bewegung aufheben will. Aberdaneben wird die Gesellschaft und werden besonders alle höher stehenden, alle edleren,seinfühligen Elemente in ihr sich bewußt bleiben, daß die Werte und Marktpreise inder oben angegebenen Beschränkung durch menschliche Anordnungen und Einrichtungenkorrigierbar sind. Hier wird man sich stets erinnern, daß die Preise Gewinn undVerlust in bestimmten Kreisen verteilen, welche, gesellschaftlich und sittlich verbunden,eine billige und gerechte Ordnung ihres Einkommens erhoffen, verlangen und, soweites geht, durchsetzen wollen; unser Innerstes fordert, daß eine solche Ordnung imgroßen und ganzen bestehe oder erstrebt werde. Keine Gruppe zusammengehörigerMenschen, keine Markt- oder sonstige Gesellschaft wird je über unbillige Preise undüber eine unbillige Einkommensverteilung als deren Folge sich damit trösten könnenund dürfen, das sei eben das Ergebnis des freien, willkürlichen Machtgebrauches derIndividuen. Sie wird immer zwischen sittlich und rechtlich erlaubtem und unerlaubtemMachtgebrauch unterscheiden. Sie wird immer wieder den sittlich unerlaubten tadeln,den rechtlich unerlaubten zu hindern und zu strasen suchen und überlegen, bis wohindas rechtlich Unerlaubte gehen dürfe.

Die hierbei maßgebenden Gefühle und Überlegungen werden dabei stets dahinstreben, die größeren oder kleineren zusammengehörigen Gruppen von Menschen nachihren Eigenschaften, Tugenden, Verdiensten, Fehlern in gewisse abzuschätzende Reihenund Stufen zu bringen; man wird sagen: die Ehren und die Güter, die Strafen unddie Nachteile sollten diesen Urteilen, diesen Stufen entsprechen. Dann hätte jeder dasSeine, dann wäre die Gerechtigkeit voll und ganz hergestellt.

Jeder Vernünftige und billig Denkende weiß nun Wohl, daß dieses Ziel nie ganz