122 Drittes Buch. Der gesellschaftliche Prozeß des Güterumlaufes u. der Einkommensverteilung s^gg
sammenwirken der Arbeiter- und Unternehmerverbände kommen wir unten zurück; be-sonders wichtig erscheinen die neuerdings in England von dem Fabrikanten G. I. Smithgegründeten „Alliancen ", welche durch gemeinsame Verabredungen den beteiligtenArbeitern Lohnerhöhungen, den Unternehmern feste auskömmliche Warenverkaufspreiseverschaffen sollen. Viele Unternehmerverbände haben mit den ihnen gegenüberstehendenLieferanten bez. Abnehmern Prcisverabredungen getroffen: z. B. landwirtschaftliche mitDüngerlieferanten, Kohlenproduzenten und -Händler mit Kohlenkonsumenten und Ver-kehrsanstalten u. s. w. Über Diskonterhöhungen verständigen sich heute meist die großenBanken. Am tiefgreifendsten haben die Preisdiktate der großen Kartelle und Trustsseit 15 Jahren gewirkt.
Niemand, der die Wirklichkeit und die neueren Untersuchungen über dieses ganzegroße Gebiet der kollektiven verabredeten Preisbildung kennt, wird heute mehr be-haupten, daß diese Verabredungen einflußlos oder vergeblich gewesen seien. Sie habennatürlich, so wenig wie die alten Taxen, den Preis im entgegengesetzten Sinne vonAngebot und Nachfrage meistern können; sie konnten bei Überangebot nicht hohe, beiMangel nicht niedrige Preise schaffen. Aber sie haben auf Angebot und Nachfrageselbst eingewirkt und haben die Preise immer zeitweise zu modifizieren gewußt. Obimmer richtig, maßvoll, im Gesamtinteresse, ist eine andere Frage. Wie dem sei, dieZahl derer, welche jede solche Verabredung und gesellschaftliche Festsetzung angreifen,ist im Abnehmen; nur wo rücksichtslos hohe Monopolpreise anormal hohen Gewinnerzeugen, findet noch allgemein eine Verurteilung statt. Die Festhaltung mäßiger undsteigender Löhne auf diesem Wege wird mehr und mehr von allen Seiten gebilligt. Überdie Kartellpreise streitet man, mit Recht, weil sie teilweise billig und gerecht, teilweiseschamlos und habsüchtig festgesetzt wurden. Die Untersuchung der Preise unter demEinfluß der Kartelle ist freilich sehr schwierig, weil andere Ursachen immer so bedeutendmitwirken, daß die Stärke des Einflusses dieser Ursachen nicht leicht zu erkennen ist.Das Beste darüber giebt jetzt die Untersuchung von Professor Jenks. Das Gallonraffinierten Petroleums in New-York ist von 1866—1900 von 25—35 gesunken auf5—10 Cents; die Differenz zwischen Rohöl und raffiniertem war früher 10 — 30, jetztmeist 2 — 3 Cents. Die Hauptursachen der Änderungen liegen in dem Reichtum derjeweilig benutzten Quellen und den technischen Fortschritten. Den Gang der Oscillationen aber hat der Trust und die spätere Compagnie wesentlich beeinflußt, und das ist schonviel; die Organisation hat ebenso den Fortschritt der Technik und hierdurch den Preisbeherrscht. Der nordamerikanische Zuckertrust hat die Preisdifferenz zwischen Roh- undraffiniertem Zucker zeitweise von 50—75 Cents auf 1—1,70 Dollar erhöht, damit aberauch neue Konkurrenzen und neuen Preissturz erzeugt. Wo die Verabredungen den Bogenüberspannen, erzeugen sie durch Belebung der Konkurrenz der Draußenstehenden stärkerePreiswechsel statt der erstrebten Stabilität. Je maßvoller sie aber auftreten, je mehrsie durch technische und organisatorische Verbesserungen wirken statt durch monopolistischePreisheraufsetzungen, je mehr sie auf die Gesamtinteressen und die Konsumenten Rücksichtnehmen, je mehr sie sich dem Ideal nähern, das früher alle Taxbehörden anstrebten,desto günstiger wird man über sie urteilen.
175. Die Wert- und Preisbildungen bei den V erke h rs a n st alt en,ihre Tarife. In schärferer Weise als auf irgend einem anderen Gebiete hat diePreisgestaltung im Verkchrsdienste in alter wie in neuerer Zeit obrigkeitlichen Einflußerfahren, zu einem schematischen Tazwesen geführt. Feststehende Verzeichnisse der Be-förderungspreise nach Meilen und Kilometer, nach Art der Waren, nach Art der vonden Personen benutzten Fahrzeuge und Gelasse, nach der Schnelligkeit der Beförderungwaren und sind überall als Tarife im Gebrauche. Diese Tarife sind von gewissenPrincipien aus entworfen, über deren Grundlagen und Berechtigung man streitet, diestets neben technisch-wirtschaftlichen Gesichtspunkten sittliche und rechtliche, wirtschafts-politische und sociale einschließen; soweit diese Gesichtspunkte sich widerstreiten, handeltes sich im praktischen Leben um Kompromisse, die in den einzelnen Tarifen ihren Aus-druck finden. Die Verschiedenheit der Tarife bei verschiedenen Verkehrsanstalten und