Teil eines Werkes 
2 (1904) Verkehr, Handel und Geldwesen : Wert und Preis ; Kapital und Arbeit ; Einkommen, Krisen, Klassenkämpfe, Handelspolitik ; Historische Gesamtentwickelung
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Die Taxen und Tarife der Verkehrsanstaltcn.

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in verschiedenen Ländern ist ebenso sehr durch diese verschiedenen Principien wie durchwirtschaftliche, technische, Angebots- und Nachfrageverhältnisse bedingt.

Wir machen uns die thatsächlichen Verhältnisse am besten durch eine historischeErzählung klar.

Es handelte sich in allen älteren Zeiten um kleine Schiffer, um Pilger, umReisende und sürstliche Boten, um kleine Frachtsuhrleute, welche teils im Nebenerwerb,teils berussmäßig gegen Entgelt Briefe, Güter und Personen beförderten. Thaten siees ursprünglich oft aus Gefälligkeit sehr billig, so nahmen sie doch bald, was sie er-halten konnten; das war sehr viel, wenn die Beförderung sehr wichtig, die Reise ge-sährlich und teuer war; sür Waren mußte von Ansang an die örtliche Preisdifferenzentscheiden, sie bestimmte jedenfalls die äußerste Höhe des Entgelts; hochgeschätzteGüter, Kolonialwaren, feine Gewebe, die nicht sehr schwer, fern von ihrem Produktions-ort 1V0300 Prozent höher im Preise standen, konnten eine sehr hohe Fracht zahlen.

Wo ein regelmäßiger Verkehr durch die Transportgeschäfte, die Boten und Schifferentstand, machten sich so ziemlich überall folgende Umstände und Überlegungen geltend:

1. Hatten die öffentlichen Gewalten und die Geschäftsleute, beide, ein gleichmäßigesInteresse an der Beförderung, an ihrer Sicherheit und Regelmäßigkeit; bei richtigerJneinanderpassung der Dienste für Gemeinde und Private konnten weniger Personen,Pserde oder Schiffe dasselbe oder mehr leisten, als wenn man sich nicht zusammenthat.

2. Benutzten die Befördernden öffentliche Wege, Brücken, Hafenanlagen; sie verursachtenso der Gesamtheit Kosten, an deren Aufbringung gedacht werden mußte. 3. War dasBedürfnis meist ein ungleichmäßiges, nach Jahreszeit, Ernten, politischen und wirt-schaftlichen Ereignissen; die befördernden Geschäfte und Personen hatten bald wenig,bald sehr viel zu thun, boten sich deshalb bald fast umsonst an, bald forderten sie über-mäßige Preise, wenn nicht eine gleichmäßige Taxe vorhanden war. 4. Fühlten sich die,welche die Transportdienste begehrten, naturgemäß verletzt, wenn ohne besondere Ursachedem einen viel, dem andern wenig für denselben Dienst abgefordert wurde, wenn derSchiffer dem einen feinen Dienst versagte, dem anderen nicht. Dem Nicht-Magdeburgerauf der Fahrt zu Schiff nach Hamburg mehr abzunehmen als dem Stadtbürger, dasfand man freilich noch 1750 selbstverständlich; aber alle Gemeindegenossen gleich zubehandeln, das war eine Forderung, die sich wohl seit Jahrhunderten in jedem socialenKörper, welcher einige Transportveranstaltungen besaß, fest eingebürgert hatte.

Das Resultat war klar: die Schiffer, die Boten, die Frachtfuhrleute wurden halbals Diener der Gesamtheit angesehen, zumal da, wo man in älterer Zeit lange alleVorhandenen Schiffe und Pferde für den öffentlichen Dienst, wenn es nötig schien,requiriert hatte. So wurden die Transportleute meist wie ein Osfizialgewerbe be-handelt, die man konzessionierte, aber auch in ihren Forderungen beaufsichtigte: einTaxwesen je sür halbe und ganze Jahre, für Sommer und Winter entstand teils ausVereinbarungen der Benutzer und der Verfrachter, der Kaufmannschaft und der Schiffer-gilde, teils unter Vermittelung und Autorität der Behörden. Es bildeten sich einReihendienst der Beteiligten, seste Abfahrtszeiten und Ähnliches. Jedenfalls seit dem13. und 14. Jahrhundert bis in die erste Hälfte des 19. treffen wir überwiegend solcheTaxen und Einrichtungen, vielfach auch schon wie bei der Post einen staatlichenGroßbetrieb mit ausgebildeten Preistarifen. Und wenn daneben da und dort zeitweiseder ganz sreie Betrieb der Einzelgeschäfte mit freier Preisbildung nicht fehlte, wie erz. B. auf der Elbe mit dem Kriege von 17S6 an eintrat und bis 1775 dauerte, fastimmer kehrte man zu den alten Einrichtungen zurück, sobald es ging; im angeführtenaber typifchen Falle, weil Schiffer und Kaufleute einsahen, daß die überhohenFrachten 17561764 und die verzweifelt niedrigen 17641775 ihnen beiden zuletztschadeten, die letzteren die ganze Schiffahrt ruinierten. Nur in der Seeschiffahrt mitihrer Vielgestaltigkeit wird stets mehr freie Bewegung und Preisbildung vorhandengewesen sein. Ob auch sie nicht da und dort zu Taxen kam, kann ich nicht entscheiden.

Für die Höhe der Tarifsätze war stets maßgebend, daß die Verfrachter im Durch-schnitt mindestens auf die Kosten kommen mußten. Man war von seiten der Obrigkeit