1Z4 Drittes Buch. Der gesellschaftliche Prozeß des Güteruinlaufes u. der Einkommensverteilung. ^()42
Das Land- und Hausvermögen zusammen machen jetzt in Frankreich und Deutsch-land noch etwa die Hälfte alles Vermögens aus, im Vereinigten Königreich 36°/u.In letzterem ist die Rente aus fremden Papieren bereits viel höher als die aus Land-eigentum (von Giffen 1884 auf 64 Mill. Pfund Sterling jährlich geschätzt); man hatvon anderer Seite neuerdings den Kapitalbesitz an fremden Effekten im VereinigtenKönigreich auf 42—43, in Frankreich auf 16 (neuestens aus 24), in Deutschland auf10—13 Milliarden Mark geschätzt; es sind erhebliche Bestandteile des Volksvermögens.
Das gesamte stehende und umlaufende Kapital, das Verhältnis des werbendenzum Nutzkapital zahlenmäßig zu erfassen, ist nach den heute vorhandenen Materialienfast nicht möglich. Ich führe nur an, daß die englische Erbschaftssteuer 1895—189648 Mill. Pfund Sterling immobile und 194 Mill. Pfund Sterling mobile Werte er-faßt hatte. Die große neuere Zunahme des gewerblichen Kapitals erhellt anch schonaus der relativen Abnahme des Landkapitals. Eine Scheidung der Kapitalien, welchedie Eigentümer im eignen Geschäft benutzen und denen, welche ausgeliehen sind, istgenauer nicht möglich. Ich habe neuerdings die Schätzung gewagt, die ich hier nichtnäher begründen kann, daß vor 100 Jahren vielleicht einige Prozente, heute in Deutsch-land 17, in England 40 "/o alles Vermögens in Form von übertragbaren Papierenbesessen werden. Die Statistik Neymarks über mobile Werte giebt für England aus10 Milliarden Pfund Sterling Gesamtvermögen über 7 Milliarden mobile Werte an, daswären 70°/v; ich glaube, die 7 Milliarden umfassen nicht bloß die übertragbarenPapiere. Neymark hat für Frankreich auf 225 Milliarden Francs 80 als Effektenbesitzangesprochen, Christians für Deutschland etwas über 30 Milliarden deutscher neben10 Milliarden fremder Effekten, zusammen 40 auf 175—200 Vermögen. In diesen40 Milliarden sind aber die Hypotheken, Sparkassenguthaben und Ähnliches noch nichtbegriffen.
Über die Größe der jährlichen Kapitalbildung läßt sich aus den oben mitgeteiltenZahlen und aus anderen Nachrichten, z. B. denen über Emissionen, Sparkasseneinlagen,Feuerversicherungssummen Wohl im allgemeinen einiges schließen, aber ganz feste An-gaben, um wie viel Prozente sich jährlich das Kapital vermehre, sind doch kaummöglich. Jedenfalls aber sehen wir aus den Bruchstücken unserer Statistik, wie verschiedendie Kapitalbildung pro Kopf zeitweise war. In Bremen von 1730—1770 kaum ein Fort-schritt, nur 1750—1769 eine ganz kleine Zunahme, dann 1776—1809 eine Verdoppelung,der ein längerer Rückgang folgt; erst gegen 1840 ist wieder der Stand von 1806—1809erreicht; dann wieder 1340—1876 mehr als Verdoppelung; 1865-1876 nimmt dasVermögen jährlich um etwa 8°/o zu (um 30—40 Mill. Mark). Für England sind1660 — 1703, 1774-1812, 1845-1875 die Hauptfortfchrittsepochcn, jedesmal findetetwa Verdoppelung des Vermögens statt, während von 1875—1885 die Zunahme nurVs ausmacht, also immer noch etwa 2 °/v im Jahre. Man schätzte die dortige jährlicheKapitalvermehrung 1314—1845 auf 5 — 600, 1854 — 1859 auf 1200, 1863 auf 2200bis 2400, 1865—1885 auf 3-4000 Mill. Mark; heute, 1900—1902, dürften es 4—5000sein. Für Deutschland hat Becker 1886 die jährliche Vermehrung des Volksvermögensdurch reale Ersparnisse auf 2,5 Milliarden, durch Wertzuwachs des vorhandenen Be-sitzes auf ebenso viel geschätzt. Wenn wir überlegen, daß die deutschen Emissionen (dieneu ausgegebenen, Rente gebenden Papiere) 1882—1898 jährlich 700—2300 Mill.betrugen, daß die allein in den öffentlichen Anstalten gegen Feuer versicherten Summen(die nicht die Hälfte der gesamten ausmachen) 1866—1875 um jährlich 4—500, 1887bis 1892 um 700- 1000 Mill. zunahmen, daß nach der preußischen Steuerstatistik dasVermögen der physischen Personen niit über 3000 Mk. Einkommen 1898—1900 jährlichum über 1,75 Milliarde Mark stieg, was für ganz Deutschland auf 3 Milliarden schließenläßt, daß nach der württembergischen Statistik die Zunahme in diesem kleinen Lande1863—1883 jährlich 2- 300 Mill. ausmachte, so dürften die 2,5 Milliarden Beckerseher zu niedrig sein; es wären etwa 1,5 °/o, also immer noch mehr als die Bcvölkerungs-zunahme; in den guten Jahren steigt sie wahrscheinlich über 2°/o, in den schlechtenbleibt sie wohl etwas dahinter zurück.