003^
Die Theorie zur Begründung des Kapitalzinses.
205
fügt bei, der Kapitalgewinn ist ein Element der Produktionskosten, sie müssen ersetztwerden. Aber es ist einzuwerfen: nur wenn die erzeugten Produkte begehrt genug undnicht in übergroßer Menge vorhanden sind, steht ihr Wert so hoch, daß das angewandteKapital eine Vergütung erhält.
Die Nutzungstheorien schließen sich an die Widerlegung des Thomas durchSalmasius und andere Zinsverteidiger an. Hermann lehrt, daß es auch an verbrauch-lichen Gütern neben ihrem Gutswcrt einen besonderen selbständigen Nutzungswert gebe.Daran halten Knies und Menger fest, der erstere in der Fassung, daß er den Zins,das Entgelt für ein wirtschaftswertiges und gewertetcs Objekt, den Preis für die ge-währte Befriedigung eines wirtschaftlichen Bedürfnisfes nennt; der letztere indem erdie Kapitalrente aus seiner Werttheorie ableitet, den Kapitalnutzungen einen Wertzuspricht, weil und sofern sie nicht in hinreichender Menge vorhanden und ausgcbotensind. Böhm-Bawerk sucht mit einem den Scholastikern würdigen Scharfsinn zu be-weisen, daß die Vorstellung einer selbständigen Nutzung von verbrauchlichen Güternfalfch fei, wie der heilige Thomas gelehrt, daß deshalb diese Vorstellung nicht derRechtfertigungs- und Erklärungsgrund des Zinses sein könne. Vielleicht täuscht er sichdarüber, daß eine naive Volksvorstellung doch die Nutzung als etwas Selbständiges,Wertvolles und daher zu Bezahlendes aufgefaßt habe.
Die sogenannten Abstinenztheorien knüpfen an die bekannteste und zu allenZeiten lebendig empfundene psychologische Wahrheit an, daß ohne eine Kapitalrente, die,welche mehr haben als sie brauchen, dieses Mehr nicht aufbewahrt, ausgeliehen oderproduktiv verwendet hätten. Senior hat diesen Gedanken zu der Theorie ausgestaltet: zuden Produktionskosten gehört Arbeit und Enthaltung, also muß beides bezahlt werden imArbeitslohn und Kapitalzins; der Zins ist die Belohnung der Enthaltung, und dieMehrzahl der späteren Nationalökonomen sprach das nach. Böhm meint: ein richtigerGedanke, aber grob generalisiert und schablonenhaft verwendet. Wir sahen schon, wieviel Kapital heute ohne direkte Entbehrung der Eigentümer entsteht, und Lassalle hatteleichtes Spiel, unsere großen Kapitalisten als entbehrungsreiche Büßer zu verhöhnen.Das aber bleibt für alle Kapitalbildung wahr: der künftige Gewinn muß demmomentanen Verbrauch vorgezogen werden-
Die Ausbeutungstheorie, wie sie am prägnantesten von Rodbertus undMarx geschaffen wurde, geht von dem Axiom aus, daß aller Wert durch Arbeit entstehe;sie lehrt demgemäß, daß der Kapitalzins eine Aneignung fremder Arbeit, also un-berechtigt sei. Aber einmal ist es falsch, daß aller Wert allein aus der Arbeit odergar aus der Arbeit des Handarbeiters beruhe; der Wert entsteht neben dieser durchfrühere geistige Arbeit, durch richtige Anpassung der Produktion an den Bedarf, erentsteht stets zu einem Teil durch die Seltenheit der Stoffe und Naturkräfte. Aberauch, sagt Böhm, wenn man den Satz zugiebt, daß dem Arbeiter der ganze Wert desvon ihm geschaffenen Produktes gehören soll, so kann das nur heißen: der jetzige Wertjetzt, der zukünftige Wert künftig; aber die Socialisten verlangen den zukünftigen Wertjetzt. Wenn ein Arbeiter heute einen Wert von drei Mark erzeugt, und dieser in einemJahr für vier verkaust wird, fo ist das auch, abgesehen von weiterer Umarbeitung,von Transport- und Verkaufskostcn normal, weil dieselben Güter heute und übers Jahrnie denselben Wert haben können.
Auf diesen von Galiani und anderen srüher schon ausgesprochenen Gedanken führtBöhm-Bawerk nun den reinen, von allen Rechtsinstitutionen unabhängigen „natür-lichen" Kapitalzins zurück, der auch in jeder socialistischen Gesellschaftsorganisation nichtverschwinden könne. Gegenwärtige Güter, sagt er, sind in aller Regel mehr wert alskünftige Güter gleicher Art und Zahl. Letztere sind nicht so sicher wie die im Momentvorhandenen. Viele Menschen hoffen auf eine bessere Zukunft, nehmen deshalb künftigeVerbindlichkeiten leichter als gegenwärtige; die Gegenwart steht allen eindringlicher vorAugen, daher werden gegenwärtige oder nahe Güter höher geschätzt als entfernte. Mitgegenwärtigen Gütern kann man technisch, in Form der vervollkommneten Produktioneine größere Menge Zukunftsgüter erzeugen, daher würden mit Recht 1V0 Gütereinheiten