222 Drittes Buch. Der gesellschaftliche Prozeß des Güterumlaufes u> der Einkommensverteilung, ^680
politische und wirtschaftliche Liberalismus forderte und erreichte da und dort die mög<lichst weitgehende Bank, und Notensreihcit; die öffentliche Meinung trat ihm nicht bloßaus allgemeinen Gründen, sondern auch deshalb bei, weil sie nur so glaubte, zu einemausgebildeten kaufmännischen Kreditsystem zu kommen; die privaten Bankicrkreise fordertendasselbe, weil sie die privilegierten Notenbanken um die großen Gewinne des Zettel-geschäfts beneideten; sie wiesen immer wieder aus die Vorzüge eines decentralisiertenBankwesens, auf die Fehlgriffe und Bankbrüche vieler älterer großer Banken hin, be-tonten, daß diese nur dem Staatskredit, der Hauptstadt, den großen Geschäften, nichtder gesamten Geschäftswelt dienten.
Und doch trat bald wieder, in England seit 1840, in den meisten anderen Ländernseit 1850—1870 ein Umschwung in Bezug aus diese Theorie der Notensreihcit und derBegünstigung zahlreicher kleiner Notenbanken ein. Frankreich und Preußen, Österreich und Rußland haben durch die Sirenengesänge der Bankiers und Gründer über dieNotenfreiheit nie sich verführen lassen. Fast überall, wo man durch Zettelfreiheit dieZahl der Privatbankiers und kleinen Aktienbanken rasch künstlich vermehrt hatte, warennach wenigen Jahren oder Jahrzehnten große Mißstände eingetreten. Von 1790 bis1800 und später brachten immer wieder alle paar Jahre Hunderte von Bankerottenkleiner Zettelbanken Tausende um Hab und Gut. In England hatten 1792 etwa 100,1816 240, 1825 70 Landbanken ihre Zahlungen eingestellt, allerdings ebenso durchleichtsinnige Verwaltung ihrer Depositen wie durch die große Notenausgabe. In denVereinigten Staaten zählten 1814, 1818, 1821, 1837, 1839 und 1857 die Bankbrücheje nach Hunderten. Auch aus dem Kontinent Europas war es zeitweise mit der Thätig-keit der kleinen Notenbanken schlimm genug, während sie sich freilich daneben inSchottland und Schweden bewährt hatten. Und so war es kein Wunder, daß manallerwärts auf Grund dieser handgreiflichen Erfahrungen mehr und mehr den größerenund speciell den centralisierten Notenbanken sich zuwandte, welche mit Staats- oderAktienkapital arbeitend einer weitsichtigen nicht allein auf Gewinn bedachten, im Ge-samtintcrcsse erfolgenden Leitung mehr und mehr unterstellt wurden.
Um den Sieg dieser Tendenz zu erklären, ist ein Wort über das Wesen derNotenbank und über die nach und nach sich im 19. Jahrhundert ausbildende Noten-bankgesetzgebung nötig.
Die Notenbank ist eine Anstalt, die als Staatsinstitut, Korporation, Aktien- oderandere Gesellschaft ein eigenes Kapital besitzt, das ihren Gläubigern haftet; sie suchtdaneben durch Notenausgabe, durch Depositen und Giroeinlagen im Kontokorrent oderauch in Form von Obligationen weiteres Kapital, oft das mehrfache ihres eigenen,kreditmäßig heranzuziehen; sie leiht nun den größeren Teil dieses ganzen Kapitals ausbestimmte Termine aus, während nur ihr eigenes ihr gar nicht, das fremde meist inkürzeren Terminen entzogen werden kann. Je mehr sie sich ihr disponibles Kapitalnur durch Noten und täglich kündbare Depositen schafft, desto mehr darf sie selbst auchnur ganz kurzen Kredit geben. Sie thut es hauptsächlich in der Form der Wechsel-diskontierung und des Lombardgeschästcs, womit sie Kredit auf wenige Tage, Wochenoder Monate giebt; kauft sie fremde gute Wechsel aus Ländern mit geordneter Valuta,so stehen sie sast dem baren Gelde gleich. Schon das Lombardgeschäst darf sie nichtso ausdehnen wie das Wechselgeschäst, weil selbst die besten verpfändeten Effekten nichtso leicht und so sicher zu verkaufen sind wie gute Wechsel. Giebt sie aber gar längerenKredit an Staat, Korporationen, Fabriken und andere Geschäfte, legt sie einen erheblichenTeil des ihr anvertrauten sremden Kapitals in nicht leicht verkäuslichen, im Kursschwankenden Effekten, in Aktien oder gar in Hypotheken, Grundstücken, Jndustrie-geschästen an, so kann sie durch Rückströmen ihrer Noten und Kündigung ihrer Depositenbei jeder kleinen Geschäftsstockung in große Verlegenheit kommen. Stets muß sie einengrößeren Barvorrat halten, um-den augenblicklichen Rückforderungen gegenüber gedecktzu sein. Die Zu- oder Abnahme des Barvorrats an sich und im Verhältnis zu denkurzfälligen Verbindlichkeiten ist der wichtigste Punkt in der Banklcitung, In Zeitender Geschäftsstille, wenn keine starke Nachfrage nach Kredit ist, füllt sich die Bankkasse,