256 Drittes Buch. Der gesellschaftliche Prozeß des Güterumlaufes u. der Einkommensverteilung. f?1ch
ü) Die ländlichen Darlehns- und Sparkassen. Auch für die kleineuLeute auf dem Platten Lande wurden in verschiedenen Ländern humanitäre Leihkassen(Viehleihkassen, Hülfsvereine, in Bayern 1878 Kreishülfskassen) ohne erhebliche Be-deutung vor 1850 errichtet. Erst der Bürgermeister F. W. Raiffeisen gab dem 1849-begründeten Flammersfelder Hülssverein zur Unterstützung unbemittelter Landwirte und-dem Heddersdorfer ähnlichen Vereine 1854 eine solche Form und ein solches Leben,daß von 1860—1880 in der Rheinprovinz und bald auch in den übrigen Teilen des^deutschen Westens zahlreiche ähnliche Vereine entstanden.
Es sind, wie die Schulzeschen Kassen, Genossenschaften von Schuldnern, die untersolidarischer Haft sich einen besseren und billigeren Kredit, zunächst wesentlich Personal-krcdit verschaffen wollen. Aber sie unterscheiden sich von diesen im übrigen wesentlich.Wie jene den städtischen Verhältnissen, so haben sie sich den ländlichen angepaßt. E5sind viel kleinere Vereine, fast immer auf eine Landgemeinde beschränkt, meist nur 50 bis100 Mitglieder umfassend. Sie geben ihren Mitgliedern durchaus längere Kredite,oft auf mehrere Jahre, teilweise auch auf Hypotheken, aber überwiegend auf einfacheSchuldscheine, gegen Bürgschaft; sie schließen Wechselgeschäfte ganz aus. Sie prüfenjedes Gesuch genau, verfolgen jeden Schuldner täglich; sie haben das Recht, jedemwöchentlich zu kündigen, wenn er sich schlecht hält. Sie geben z. B. ab uud zu einemTrinker ein Darlehen unter dem Versprechen, daß er das Trinken lasse, und haben großemoralische Erfolge fo erzielt. Ihre Geschäftsführung ist stets einfach; sie entwickelnsich nicht wie viele Schulzeschen Kassen zu eigentlichen Banken. Sehr viele wollenzugleich Sparkassen sein und haben es sehr verstanden, die Spareinlagen des PlattenLandes an sich zu ziehen. Mit Erfolg haben viele Kassen begonnen, ihren Mitgliedernbeim Grundstückkauf zu helfen; sie erwerben die sogenannten Steigerungsprotokolle,,sorgen sür Zahlung der Grundstückspreise durch Einziehung der Teilzahlungen vonden ErWerbern; sie haben in diesem wie im Viehleih- und sonstigen ländlichen Kredit-geschäfte einen großen Teil der Wucherer beseitigt, welche früher 10—30 und mehrProzent den Bauern abnahmen. Ihre ganze Wirksamkeit ruht auf ihrer großen Lokal-und Personenkenntnis im engsten Kreise.
Entsprechend den christlichen Humanitären Gesinnungen Raiffeisens und denSitten und Gewohnheiten des Platten Landes, dem Nachbar- und Gemeindegeist daselbstist die ganze Organisation mehr als die der städtischen Kassen auf sympathischer Nächsten-liebe aufgebaut. Man hält so weit wie möglich daran fest, daß kein Vorstand undAufsichtsrat Gehalt und Tantieme erhält, nur bezahlte Rechner sind vorhanden; beiden meisten Kassen beschränken sich die jährlichen Verwaltungskosten auf 100—200 Mk.Daher kann der Kredit durchschnittlich so billig gegeben werden. Zuerst ließ Raiffeisendie Mitglieder auch keiue Anteile erwerben; die seinem Verband angeschlossenen Vereinehaben heute noch nur Anteile von 2—15 Mk.; in allen werden die Anteile nur mitdem gewöhnlichen Zinsfuß verzinst: es soll keine Dividendenjagd gezüchtet werden, sowenig wie ein Streben nach hohen Gehältern und Vorstandstantiemen. Was gewonnenwird, soll dazu dienen, einen sogenannten Stiftungsfonds und einen möglichst großenReservefonds zu sammeln. Der Stiftungsfonds darf nie geteilt werden, er soll beietwaiger Auflösung dem allgemeinen Wohl der Gemeinde dienen. Es haben heute vieleKassen einen solchen nicht mehr; aber alle suchen den Hauptteil des Gewinnes entwederder Reserve oder der Verbillignng des Kredits für die Schuldner zuzuführen.
Das nötige Kapital haben die Vereine sich zuerst ausschließlich bei wohlhabendenNachbarn verschafft und es leicht und zu billigem Zinsfuß bekommen. Sie sind auchnie in Verlegenheit gekommen, obwohl sie ihr Kapital gegen vierteljährliche Kündigungerhielten und es meist auf die doppelt bis zehnfach fo lange Zeit Hingaben. Alsdie Vereine aber sich auch in ärmeren Gegenden ausbreiteten, erhielten diese dochnicht mehr so leicht das Kapital. Und allerwärts mußte sich in den Kassen der Übel-stand zeigen, der in den Schulzeschen durch die Verschiedenheit der socialen Stellungder Mitglieder vermieden wird, nämlich, daß diese Kleinbauern eines Dorfes fast allezu gleicher Zeit im Jahre Geld bedürfen und dann wieder übrig haben.