288 Drittes Buch. Der gesellschaftliche Prozeß des Güterumlaufes u. der Einkommensverteilung. j^74i>
Man wirft dem Stücklohn noch vor, daß er die Arbeitszeit verlängere, dieArbeit gefährlicher mache, die Beschäftigungslosen vermehre, den geringeren Arbeiterndie Arbeitsgelegenheit nehme, große Unterschiede im Verdienst der Arbeiter schaffe, daßer die specifische Form der kapitalistischen Produktion sei. Aber auch Marx giebt zu,daß er die Individualität, das Freiheitsgefühl, die Selbständigkeit und Selbstkontrolleder Arbeiter entwickele.
Der Kampf der höher stehenden Arbeiter gegen ein richtig gehandhabtes Stück-lohnsystcm hat in den letzten 25 Jahren sehr nachgelassen. Die Webbs weisen nach,daß von etwa einer Million Arbeiter, die in England den großen Gewerkvereinenangehören, 573 000 sür Stücklohn, 140 000 für ein gemischtes System, 290 000 fürZeitlohn sind, daß die englischen Arbeiter für das eine oder andere Systeni nicht ansich, sondern stets dann sind, wenn es nach Technik, Sitte und Betriebseinrichtung,leichter höhere und fortschreitende Löhne, resp, eine sichere Garantie gegen Herabdrückungder Löhne unter einen angenommenen Normalsatz gebe, wenn es die gemeinsame Ver-abredung beider Teile über Lohn und Bedingungen erleichtere, die Willkür ausschließe.Der Zeitlohn ist von den englischen Maschinenbauern z. B. bevorzugt, weil jedeMaschine wieder etwas anderes ist, der Stücklohn hier immer leicht der Willkür desWerkmeisters oder Unternehmers anheimfällt. Auch angesehene Socialdemokraten habensich für Stücklohn neuerdings ausgesprochen oder den Kampf dagegen aufgegeben. Erwar in Deutschland ein überwiegend durch doktrinäre Vorstellungen und nicht durchpraktische Gründe erzeugter. In dem Maße, wie in zahlreichen Industrien auch inDeutschland Tarifverträge entstanden, waren diefe nur auf Grund von Akkordtarifeumöglich; jetzt sahen auch die socialdemokratischen Arbeiter ein, daß der Tarifvertrag ansich sehr wertvoll, ja viel wertvoller als die etwaige Erhaltung oder Wiederherstellungder Zeitlöhne ohne Tarifvertrag sei. Teilweise ist der Unterschied zwischen Zeit- undStücklohn heute nicht mehr sehr groß; z. B. da nicht, wo man den Maurer nach derStunde bezahlt, aber von ihm verlangt, daß er in der Stunde eine bestimmte ZahlSteine vermauere, und ihm für das Minus einen Abzug macht.
Schloß hat ganz recht, wenn er die Forderung einer allgemeinen Beseitigung derStücklöhne mit der einer Aufhebung aller Maschinenarbeit vergleicht. Wörishofferbetont, daß der unbefangene deutsche Arbeiter überwiegend den höheren Verdienst desFleißigeren, Intelligenteren, Geschickteren als richtig und gerecht empfinde. Immerhin-hat das System gewisse Nachteile, z. B. auch den, daß es vielen Arbeitern schon vom35. Jahre ab geringere Einnahmen giebt. Sein Hauptwert aber liegt darin, daß es-teils durch Erziehung, teils durch Auslese wesentlich den neueren rührigen flmkeuArbeitertypus geschaffen hat, daß es im ganzen die Löhne und das Niveau der Lebens-haltung hob, so oft es auch in mißbräuchlicher Anwendung zu ungesunder Überarbeitund zu Lohndruck führte.
Man wird vielleicht von der Zukunft erwarten können, daß es, wo der höhereArbeitertypus sich fixiert habe, nicht mehr nötig sei, wie es heute schon da überflüssig,ist, wo man es mit sehr hoch stehenden Arbeitern zu thun hat. Man wird so vielleichtteilweise wieder zu festen Löhnen und Gehalten da kommen, wo heute Akkordarbeit ist;der Aufseher, der Werkmeister, das eigentliche Beamtentum ist schon heute ja meistnicht mit Stücklohn bezahlt. Eine Verbindung von Zeit- und Stücklohn ist heuteschon weit verbreitet und hat den Vorzug, einerseits eine ganz sichere Einnahme zugeben und andererseits einen Zusatz nach Fleiß und Anstrengung, eine außergewöhnlicheEinnahme zu bieten, wie sie jeder Mensch wünscht. Viele landwirtschaftliche Arbeitererhalten für die Ernte eine Erdruschquote, für den Hacksrüchtebau Geldakkordsätze, fürandere Arbeiten den festen Tagelohn. Auch für dieselbe Arbeit erhält der Lokomotiv-führer seinen Monatslohn und feine Meilengelder, der Professor Gehalt und Kolleg»geld. Es giebt in vielen Maschinenfabriken Italiens folgende Verbindung von Zeit-und Stücklöhnen: die Arbeiter erhalten sie periodisch abwechselnd, aber es wird stetsbeides berechnet; arbeiten sie nach dem Stück und verdienen dabei weniger, so erhaltensie wenigstens den berechneten Tagelohn.