298 Drittes Buch. Der gesellschaftliche Prozeß des Güterumlaufes u. der Einkommensverteilung. ^75l>
übergroß, sür die Familie mit 1000 Mark vielfach doch noch kärglich, mit 1500 aberschon gut auskömmlich sind. Jedenfalls ist es ein Verdienst, der dem des kleinenBauern und Handwerkers, des Schulmeisters und Unterbeamten im ganzen gleichsteht.Der Weg des Fortschritts ist damit nicht ganz verschlossen, wenn die Frau tüchtig ist,der Mann nicht trinkt, die Wohnungsverhältnisse leidliche sind. —
Wie die deutschen Löhne unter den englischen, so stehen die holländischen unditalienischen, die österreichischen und die russischen unter den deutschen, während diedänischen den deutschen gleich sind. Die holländischen und italienischen sind Löhne,wie sie Ländern alter Kultur mit dichter Bevölkerung, einem alten proletarisiertenArbeiterstand entsprechen. Die österreichischen und russischen Löhne sind das Er-gebnis der eben erst aus einer trägen Naturalwirtschaft zur Geldwirtschast sich empor-arbeitenden Zustände; niedrigste Lebenshaltung der unteren Klassen entspricht geringertechnischer Leistungssähigkeit. Nicht ganz dasselbe läßt sich sagen von den Löhnen deralten Halbkulturländer Indien, China, Japan ; hier ist allerdings auch bei derMasse des Volkes eine große Bedürfnislosigkeit, aber mannigfach mit großem Fleißund eigentümlicher Geschicklichkeit gepaart. Man geht mit der Mcnschenkraft nirgendsso verschwenderisch um wie hier; Tragen der Menschen, Lastenziehen durch Kulis,Übermaß von Dienstboten und Derartiges ist an der Tagesordnung; doch sind dieLöhne mit dem wachsenden Verkehr und der modernen Technik neuerdings auch er-heblich gestiegen; immer werden die deutschen Reallöhne noch 2^/2—3 mal so hoch seinwie die japanischen.
Umgekehrt stehen die Löhne in den Vereinigten Staaten, in Australien, Neu-seeland viel höher als in Westeuropa ; aber die Unterschiede sind im Reallohn nicht sogroß wie im Geldlohn. So giebt F. A. Walker eine geographische Lohnskala an, diemit 10 Cents täglich in Indien beginnt, mit 1,50 Dollar in den Vereinigten Staatenendigt; den jährlichen Landarbeiterverdienst giebt ein amerikanischer Staatssekretärneuerdings so an: Indien 150 Francs, Italien 250, Rußland 300, Deutschland 450,Frankreich 675, Großbritannien 775, Vereinigte Staaten 1250 Francs. Das sind fürmehrere europäische Staaten Zahlen, die 30 — 50 Jahre zurückliegen. Nach neuerenAngaben, z. B. über Eisenbahnarbeiter in Kansas , schwankt die Jahreseinnahmezwischen 386 und 865 Dollar (1621 — 3633 Mark). Bei einem Tagesverdienst von5—10 Schilling, Wochenverdienst von 30 — 60 Schilling in den Vereinigten Staaten und englischen Kolonien darf nicht vergessen werden, einmal wie teuer das Leben, unddann wie sehr viel unregelmäßiger meist der Verdienst ist. Wenn statt an 300 nuran 200 Tagen im Jahr ein Lohn verdient wird, so muß er schon deshalb um dieHälfte höher stehen. Die Labour Gazette giebt 1899 für die gut bezahlten gelerntenArbeiter der Trustgesellschasten einen Jahres Verdienst von 3000, für die ungelerntenVon 1490 Mark an; vor der Fusion hatten die Verdienste nur 2630 und 1250 Markbetragen. Der Unterschied in Lebenshaltung und Verdienst (Reallohn) zwischen denbesseren westeuropäischen und den nordamerikanischen Arbeitern dürste so nicht mehrals 1 : 2, vielfach nur 1 : 1,5 sein.
Wie groß auch im selben Staate in Europa die örtlichen Lohnverschiedenheitensind, haben wir bezüglich der englischen ländlichen Löhne schon erwähnt. Die deutschenamtlich sür die Krankenkassen festgestellten mittleren Tagelöhne nach Kreisen schwanktenzwischen Ost und West für Männer 1891 von 85 Pfennig zu 3,25 Mark, für Frauenvon 0,50 zu 2 Mark, 1902 zwischen 1,10 und S, 0,70 und 2 Mark. An demselbenOrte und bei derselben Arbeit und denselben Akkordlohnsätzen sind die Löhne nach derRasse sehr verschieden: aus Posen wird 1892 berichtet, daß auf demselben Gute,bei derselben Arbeit der Deutsche täglich 6 — 8 Mark, der Pole 2,5 — 3,5, der Russe1,5—2 Mark verdiente.
Die Frauenlöhne sind fast überall die Hälfte bis zwei Drittel von denen derMänner; die Stadtlöhne sind höher als die auf dem Lande, die Winterlöhne aufdem Lande niedriger als die im Sommer. In einem und demselben Gewerbe und bei