757^ Geographische und berufliche Lohnverschicdenheit. 299"
scheinbar gleicher Beschäftigung finden sich, je mehr man näher zusieht, die größtenVerschiedenheiten. Die Berliner Mädchen-Wochenlöhne liegen überwiegend bei 8—12Mark, schwanken aber daneben zwischen 6 und 25 Mk. und zwar in denselben Jndustrieuje nach der Geschicklicheit, dem Range des Geschäfts, den vornehmeren oder geringerenKunden. In einer Meraner Weberei verdienten in einem Jahre (1876 —1877) diegeringsten von 444 Stuhlarbeitern 323, die besten 374 Mark jährlich, 300 zwischen450 und 600 Mark. Daher wird neuerdings mit Recht so viel Wert auf eineKlassenlohnstatistik gelegt , wie sie z. B. Wörishoffer sür die Mannheimer Fabrik-arbeiter machte; nach ihm verdienten von den männlichen Arbeitern 56,2 °/o denMittelwochenlohn von 15 — 24 Mark, 20,9 °/o unter 15 Mark, 22,9°/° 24 bis über35 Mark. Wenn man die Wochenlöhne einer Reihe deutscher Handwerke und In-dustrien nebeneinander stellt, soweit mittlere männliche Arbeitskräfte in Betracht kommen,so schwanken sie z. B. in Berlin zwischen 12 Mark für Korbmacher, 14 für Schuh-macher, 15 für Weber, 26 für Zimmerleute, 31 für Lithographen, 35 für Steinbild-hauer; wenn wir die neuere Statistik der Fachvereine an verschiedenen Orten undvon verschiedenen Arbeitern ansehen, so verdienen Tischler 14 — 22 Mark, Buchbinder6—50 Mark (meist 15—20). Die monatliche Matrosenheuer stand 1890 zugleich auf44 Mark in Schleswig-Holstein, 51 an der Weser, 72 an der Elbe (neben freierStation). In den meisten größeren Geschäften und Fabriken findet sich heute eineHierarchie der Löhne, die fast so groß ist wie die Gehaltsvcrschiedenheit eines großenstaatlichen Beamtenkörpers. In der vortrefflichen Lohnstatistik einer Berliner Druckereivon 1887 haben die Lehrlinge 1,10, gewöhnliche Arbeiter 2 — 3, die Setzer 5 undmehr, oft bis 7, ja 12, ein Faktor 9,20, ein Maschinenmeister 11,12 Mark täglichenLohn, während 1889 in Württemberg die niedrigst besoldeten Kanzleidiencr 890 bis1000 Mark, die Mehrzahl aller Beamten 2 — 5000, einige wenige hohe Beamte6—10 000 Mk. oder mehr hatten. Nach Toqueville war zu seiner Zeit (etwa 1835) dieSpannung zwischen dem niedrigsten und höchsten Gehalt im amerikanischen Schatzamte3700—32 500 Francs, im französischen Finanzministerium von 1500—80 000 Francs;heute sind die früheren hohen französischen Gehälter um ein Drittel ermäßigt, alle niedrigenGehälter erhöht; die niedrigsten Arbeiter und Diener der städtischen Verwaltung inParis erhalten 1200—1600 Francs jährlich, ein Mitglied des Staatsrats 16 000 Francs.Zwischen gewöhnlichen Berliner Arbeitern nnd dem Chefredakteur des „Vorwärts",zwischen den höchsten und niedrigsten Gehältern, welche die socialistische , PariserKommune bezahlte, sind und waren mindestens Verschiedenheiten wie 1:10; Ahnlicheshat die Zeißstiftung in Jena neuerdings verfügt: der erste Direktor der Anstalt sollnicht mehr als den 10 fachen Jahresverdienst eines guten männlichen Arbeiters er-halten. Zu Polybius' Zeiten erhielt der römische Hauptmann den Doppelsold desSoldaten; im 16. Jahrhundert erhielt der Landsknecht monatlich 4, der Feldwebel 12,der Hauptmann 40, der Oberst 400 Gulden; im 17. Jahrhundert waren die Unter-schiede wieder wesentlich geringer.
Diese wenigen historisch, geographisch und gewerblich gegliederten Zahlen könnennatürlich nicht den Anspruch machen, ein volles Bild zu geben; das ist hier nichtmöglich. Aber sie geben uns, wenn sie im ganzen der Wirklichkeit entsprechen, wie ich hoffe,doch die Möglichkeit zu zeigen, daß die älteren Lohntheorien einseitig an die einzelnenhistorischen Phasen der Lohnbewegung anknüpften; und dann werden sie uns in denStand setzen, über die Ursachen der Lohnbewegung im ganzen ein dem heutigen Standder Thatsachensammlung entsprechendes Urteil abzugeben.
210. Die älteren Lohntheorien, wie sie bis gegen 1870 ausgebildet wurden^schließen sich an die historischen Thatsachen an, die wir geschildert, sie sind Abstraktionenzuerst aus den westeuropäischen Zuständen von 1500—1750, dann aus denen von1750—1870.
Die Theorien bis 1750 über das Arbeitsverhältnis gehen von irgend einerallgemeinen Vorstellung aus, welche die Thatsache einer arbeitenden untersten Volks-schicht plausibel macht. Wie die deutsche Heldensage die Klassen entstehen läßt durch