Teil eines Werkes 
2 (1904) Verkehr, Handel und Geldwesen : Wert und Preis ; Kapital und Arbeit ; Einkommen, Krisen, Klassenkämpfe, Handelspolitik ; Historische Gesamtentwickelung
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Die Lohntheorien bis auf Ricardo nnd I. St. Mill.

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größeren oder geringeren Bedarf an Arbeitern nehme die Bevölkerung zu oder ab.Wir sehen, es handelt sich um die optimistische Vorstellung, das Uhrwerk der wirt-schaftlichen Gesellschaft sei von einer gütigen Vorsehung so eingerichtet, daß es durchdas Spiel der Marktvorgänge stets die rechte Zahl von Waren und Menschen liesere.Die in England 16501770 steigenden Löhne bilden den Hintergrund der AuffassungA. Smiths. Der Druck derselben von da bis 1850 beherrscht seine nächsten Nachfolger,die wie er an der ausschließlichen Erklärung der Löhne durch Marktquantitäten fest-halten, jeden Eingriff in dieses freie Spiel der Kräfte verurteilen.

Ricardo erörtert die Möglichkeit steigender Löhne auf Grund einer rascherenKapital- als Bcvölkcrungszunahme und mit Hülse einer Gewöhnung an seinere, höhereBcdürsnisse; aber, fügt er unter dem Eindruck des Arbeiterelends seiner Zeit bei, inder natürlichen Entwickelung der bürgerlichen Gesellschaft hat der reale Arbeitslohnein Streben zu sinken, das Angebot an Arbeitern steigt rascher als die Nachfrage; dieLebensmittelprcise steigen, es beginnt die Gefahr, daß die Unternehmer infolge dersteigenden Grundrente und der mit den Getreidcpreisen steigenden Löhne kleinere Gewinnemachen; die Kapiialbildung stockt; der gezahlte Arbeitslohn gehört unter die Pro-duktionskosten; für das Gesamtinteresse kommt es aber nur auf den Reinertrag derNation an. In dieser letzteren schiefen Wendung schien fast eine Aufforderung zurLohnverminderung oder zur Gleichgültigkeit gegen das Wohl der Arbeiter zu liegen.

Die Elemente der Smith-Ricardoschen Theorie Lebensunterhalt als natür-licher Preis der Arbeit, Steigen und Fallen je nach Kapital- und Bevölkerungsbewegungübernehmen nun die bürgerlichen und socialistischen Theorien der Zeit von 18201860,die ersteren mit geringem Gedankenreichtum, die zweiten mit utopistischcn Schlüssen,beide mehr in pessimistischer als optimistischer Richtung sich bewegend.

Die ersteren sind uuter dem Eindruck der Bevölkerungszunahme und des vielfachniedrigen Lohnes jener Tage meist ehrlich genug, Ricardos düstere Auffassung weiterauszuführen, z, B. I. St. Mill, Nach ihm bestimmt das Verhältnis der Bevölkerungzum Kapital den Lohn; ein Sinken der Lebenshaltung sei viel leichter als eine Er-höhung; eine Gewöhnung an langsamere Bevölkerungsvermehrung hält er nur sürmöglich, wenn ein gänzlich verändertes Erziehnngssystem mit einer großartigen staat-lichen Kolonisation zusammentreffe und so andere, höher stehende Menschen schaffe. DieMehrzahl der Lehr- und Handbücher blieb bis in die neuere Zeit in diesen Bahnen. Diesogenannte Lohnsondstheorie, die schon A. Smith und Ricardo angedeutet, Seniorausgebildet hat, ist nur ein Ableger dieser Auffassung. Sie geht von der Vorstellungaus, es gebe sür jedes Volk in bestimmter Zeit eine durch volkswirtschaftliche Ursachen,wie Gewinnsatz und Teilung der Gesamtproduktion zwischen Kapitalisten und Arbeitern,fest bestimmte Kapitalsumme, die in Verbindung mit der Zahl der Arbeiter den Lohnbestimme; als Folge war gedacht, daß die Kapitalsumme die Lohnhöhe unerbittlichreguliere, daß die Forderungen und Vereine der Arbeiter dieselbe nicht ändern könnten,daß höchstens ein Teil der Arbeiter auf Kosten der übrigen einen höheren Lohn heraus-zuschlagen vermöchte; man suchte die Arbeiter zu überreden, daß hoher Gewinn undniedriger Lohn sogar sür sie vorteilhast sei, weil das den Lohnfonds erhöhe. Beimanchen Theoretikern nahm die Lehre auch eine optimistische Farbe an: da das Kapitalrascher wachse oder gar durch seine Verzinsung sich rascher vermehre als die Bevölkerung,so müsse die Lage der Arbeiter eine gute sein.

Die Lohnsondstheorie ist einmal eine Folge der Überschätzung der Quantitäts-wirkung auf den Wert und dann eine Verwechslung der letzten Ursachen, welche dieNachfrage nach Arbeit bestimmen, mit einer untergeordneten Mittelursache. Jene liegenin der Kaufkraft der Konsumenten für Arbeitsleistungen; nur ein Mittel der Aus-führung hiefür ist das Kapital der Unternehmer; keiner derselben hat sich eine ganzfeste jedenfalls auszugebende Summe für Arbeiterbczahlung reserviert; er zahlt demArbeiter, was er muß; er stellt soviel Arbeiter an, wie er nach dem Stand der Technikund dem wahrscheinlichen Absatz braucht; hat er nicht genügend eigenes Kapital, sogiebt es ihni der Kredit; er hat nur jederzeit für die nächsten Wochen Dispositionen