Teil eines Werkes 
2 (1904) Verkehr, Handel und Geldwesen : Wert und Preis ; Kapital und Arbeit ; Einkommen, Krisen, Klassenkämpfe, Handelspolitik ; Historische Gesamtentwickelung
Entstehung
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ZY4 Drittes Buch. Der gesellschaftliche Prozeß des Güterumlauses u. der Einkommensverteilung. s^762

Verkürzt. Das konstante Kapital, d. h. die toten Produktionsmittel, die keinen Wertan sich erzeugen (nur Arbeit kann das ja), wächst auf Kosten des variabeln, d. h. desfür Arbeitskräfte ausgegebenen; es werden mit jedem technischen Fortschritt Arbeiterbrotlos; es entsteht die Reservearmee der Unbeschäftigten, welche in den cyklisch wieder-kehrenden Krisen sich stetig vermehrt und immer härter auf den Lohn drückt. Das istdas Populationsgesetz der kapitalistischen Epoche, während daneben Marx die Möglich-keit einer Übervölkerung im Verhältnisse zu den Subsistenzmitteln leugnet, ja behauptet,die englische Bevölkerung würde bei rationeller Beschränkung des Arbeitstages für denBedarf gar nicht ausreichen. Zugleich behauptet Marx, daß die Maschine den gelerntenArbeiter verdränge, den ungelernten Proletarier zum allgemeinen Typus des modernenArbeiters gemacht habe; die Herabdrückung der Kenntnisse und der Geschicklichkeit geheso Hand in Hand mit dem Siege der kapitalistischen Produktion; die allgemeine Ver-elendung der Masse des Volkes sei das unbestreitbare Ergebnis.

Marx ist beherrscht von den Eindrücken und Enqueten der englischen Textil-industrie in ihrer social traurigsten Zeit, er leugnet nicht, daß später die Fabrikgesetz-gebung die Physische und moralische Wiedergeburt des englischen Fabrikarbeiters herbei-geführt habe, daß die Wertbestimmung der Arbeitskraft ein historisches und moralischesElement enthalte. Aber er konnte, alt geworden, nach 1867 von seiner Theorie desMehrwertes und der Verelendung doch nicht mehr loskommen. In seinen Anklagengegen die Maschinen ist ein großes Element der Wahrheit, das wir (I § 85 S. 223)gewürdigt haben; die Wirkungen, der Krisen übertreibt er, aber sie sind ein schwerauf den Arbeiterstand drückender Übelstand. Der eigentliche Wahn von Marx ist seineMehrwerttheorie; wir haben oben (II, S. 113118) in der Wertlehre schon erörtert,daß und wo in der Wirklichkeit ungerecht angeeignete Mehrwerte, d. h. ungerechtepartielle Nichtbezahlung von Waren und Leistungen vorkommen. Marx ignoriert alleübrigen derartigen Fälle, sieht nur den einen und führt ihn auf eine angeblichphysiologisch-technische Ursache (daß nur die Arbeitskraft Wert erzeuge) zurück. Dasist nicht bloß eine unbewiesene Behauptung, sondern eine gänzliche Verkennung derwahren Ursachen der Wertbildung überhaupt und der Mißstände, unter denen dieArbeiter leiden. Wo hochbezahlte Waren große Gewinne schaffen, ist meist nicht inerster Linie der Arbeiter, sondern der Unternehmer die Ursache. Und wo der Arbeiterweniger sür seine Arbeitskraft erhält, als ihm nach zeitgemäßen Gerechtigkeits-vorstellungen gebührt, als ihm nach Lage des Marktes gezahlt werden könnte, sindwucherische Verhältnisse, unvollkommene Institutionen meist ebenso sehr schuld wie einÜberangebot von Arbeitskräften. Die eine wie die andere Ursache der Aneignung vonMehrwert kann aber durch Sitte und Recht beseitigt beziehungsweise eingeschränktwerden; das ahnt Marx ja auch, wie seine Bemerkungen über die Wirkung des Zunft-rechtes, sein Ausspruch über die Fabrikgesetzgebung und seine Hoffnung auf die politischeMacht der Arbeiterschaft zeigt. Aber diefe Gedankenreihen werden stets wieder zurück-gedrängt und verdunkelt durch die schiefe Tendenz, eine sociale Geschichtsentwickelung,zu konstruieren, in welcher Technik und materielle Ursachen alles, die Menschen nichtsbewirken.

Die Theorie von Marx wie die aller älteren Lohntheoretiker bis ans letzte Vierteldes 19. Jahrhunderts enthalten Teilwahrheiten auf Grund partieller Thatsachen-beobachtungen. Es sind schiefe oder salsche Verallgemeinerungen daraus. Erst von18601900 konnte sich auf Grund des Kampfes zwischen den bürgerlichen undsocialistischen Theorien, auf Grund einer viel breiteren historischen und statistischenBeobachtung, in Zusammenhang mit der richtigen Würdigung der Gewerkvereinc, derFabrikgesetze und anderer socialer Institutionen in immer weiteren wissenschaftlichenKreisen eine richtigere Beurteilung der Lohnbewegung bilden. Die Arbeiten Thorntonsin England, Brentanos in Deutschland, F. A. Walkers in den VereinigtenStaaten haben dabei die Führung gehabt. Wir versuchen nun, kurz darzulegen, wasman gemäß dem heutigen Stande der Wissenschaft über die Ursachen der Lohnhöhesagen kann.