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Kautsky konnte 1881 sagen: „der Arbeitsertrag habe der Arbeiterklasse, die das Arbeits-produkt hervorbringe, zuzufallen". Die oben schon (S. 273) erörterte Forderung desvollen Arbeitsertrages sür den Arbeiter war bei den Socialisten bis zu Lassalle dienaheliegende Schlußfolgerung.
Die, welche sie zogen, wollten in stürmisch revolutionärem Geiste das eherneLohngesetz zerbrechen, das Lohnsystem beseitigen, eine gesellschaftliche Verteilung nachdem Bedürfnis oder nach der Arbeitszeit oder der Arbeitsleistung an die Stelle setzen.Einem Geiste wie Marx erschien Derartiges doch zu knabenhaft; er will vor allempraktisch die Revolution und die Neugestaltung der Produktion durchführen, dann werdesich alles Übrige, besonders die neue bessere Entlohnung der Arbeit von selbst finden.Er verspottet alle derartigen Phrasen, wie Zerbrechen des ehernen Lohngesetzcs, Er-kämpfung des vollen Arbeitsertrages; er schafft eine neue eigenartige Theorie über dieNotwendigkeit des Lohnsinkens und die Verelendung der Massen, die an einzelnenPunkten realistischer verfährt als die älteren Socialisten, aber andererseits an demGedanken der Erzeugung aller Güter und Werte durch die Lohnarbeiter festhält, ihnnicht im Detail untersucht, sondern durch künstliche Konstruktionen und mystische Formelnzu stützen sucht und maßlos übertreibt.
Marx' Lohntheorie ist insofern nicht ganz leicht darzustellen, als er selbstin seinen Ansichten wesentlich geschwankt hat, resp, teils als fanatischer Doktrinär, teilsals scharfsinniger und wahrheitsgetreuer Berichterstatter schreibt. Ich glaube aber, dieGrundgedanken des ersten Bandes seines Kapitals, der ja allein auf die Massen gewirkt,sind doch auch in dem zweiten und dritten noch enthalten und lassen sich so zusammen-fassen: der Arbeiter erhält stets nur seinen gewohnheitsmäßigen Lebensunterhalt; derLohn kann etwas steigen oder fallen je nach der Kapitalbildung, den Sitten, demGang der Volkswirtschaft, aber das macht nicht viel aus. Der Kern des Problemsliegt darin, daß aller Wert nur in der Produktionsphase entstehen kann, nicht, wie diebürgerlichen Theoretiker meinen, in der Cirkulation. Dabei wird nun aber unter der„gesellschaftlich notwendigen Arbeit", d. h. der dem heutigen Stand der Technik ent-sprechenden, bald die Gesamtarbeit aller Beteiligten, bald und häufiger nur die derausführenden Lohnarbeiter verstanden; die Kapitalisten und Unternehmer, die Grund-eigentümer und Rentenbezieher werden im Sinne Thompsons als Nichtarbeiter bezeichnet,welche das Plus über den Lohn zu Unrecht in ihre Tasche stecken. Die Fiktion Halls,daß der Arbeiter eine Stunde für seinen Lohn, sieben für den Mehrwert der Kapitalistenarbeite, ermäßigt Marx in die „Unterstellung", daß der Arbeiter in sechs Stunden soviel Wert produziere, daß er und seine Familie davon leben könne, in den übrigensechs aber für seinen Anwender Wert schaffe. Ob und wo dies thatsächlich zutreffe,wird nicht untersucht, und die Erscheinung wird dadurch nicht verdeutlicht, sondernverdunkelt, daß Marx beifügt, der Arbeitslohn sei nicht, was er zu sein scheine, nämlichnicht der Preis der Arbeit, sondern der der Arbeitskraft. Das Lohngesetz der kapi-talistischen Epoche wird dahin formuliert: Nachdem durch Raub und Bauernlegung,durch Handclsprellcrei und Kolonialherrschaft Kapitalisten und Besitzlose entstandensind, müssen sich die letzteren, die Arbeiter, von den ersteren beschäftigen lassen; derArbeiter schafft im halben Tage, was er braucht und als Lohn erhält, muß aber denganzen Tag arbeiten, erzeugt also das Doppelte an Wert, und dieses Plus, diesenMehrwert, das Arbeitsresultat der zweiten sechs Stunden des Tages, steckt der Kapitalist«in, dadurch entsteht erst die große systematische Kapitalanhäufung. Dieser grundlegendeVorgang erscheint bei Marx bald als etwas Technisch-Natürliches, als die „Magie"des kapitalistischen Produktionsprozesses, als ein zufälliger Vorteil für die Käufer derArbeit, bald als ein Unrecht, als eine Erpressung.
Indem nun die Fortschritte der Technik, der Kooperation, der Großindustrie dasProdukt vermehren, wird durch die Überlegenheit des Kapitalisten, durch Verlängerungder Arbeitszeit, durch Einstellung von Frauen und Kindern statt der Männer, durchdie Anwendung von Maschinen an Stelle der menschlichen Arbeit neben dem absolutender relative Mehrwert geschaffen, d, h. wird der Lohn weiter zu Gunsten des Kapitalisten