Teil eines Werkes 
2 (1904) Verkehr, Handel und Geldwesen : Wert und Preis ; Kapital und Arbeit ; Einkommen, Krisen, Klassenkämpfe, Handelspolitik ; Historische Gesamtentwickelung
Entstehung
Seite
351
Einzelbild herunterladen
 

L09^

Notwendigkeit der Kranken-, Sterbegeld-, Unfallversicherung,

351

kaum mehr vorkomme. Wo die Krankenversicherung fehlt, wo sie, wie in den VereinigtenStaaten , von den Volksvcrsicherungsbanken als zu schwierig aufgegeben wurde, ist dieSitte, auch die Kinder vom 2. Lebensjahr an auf ein Todesgcld zu versichern, sehrweit verbreitet; sie hat den ausgesprochenen Zweck, die Kosten von Krankheiten, welchemit dem Tode endigen, zu ersetzen; sie hat aber den großen Fehler, die Kosten einerglücklich verlaufenen Krankheit unersetzt zu lassen, sie steht zumal in England im Ver-dacht, den Kindsmord durch die Eltern und Verwandten der tiefstehenden Volksschichtenhervorzurusen.

In Deutschland bestanden, wie wir sahen, 2,73,6 Mill. Volksversicherungs-policen 1900; von den 910 Mill. in den Krankenkassen Versicherten haben wohl etwa78 Mill. zugleich ein Recht auf Sterbegelder ; zwischen 0,85 und 0,99 °/o derselben sterbenjährlich, ihre Familien erhalten das Sterbegeld. Im ganzen können wir annehmen,daß etwa für 1011 Mill. Deutsche , wenn wir von der Möglichkeit der Doppcl-versicherung abseheu, im Todesfall ein Sterbegeld gesichert ist.

ä) Sterben müssen alle Menschen, krank werden sie oftmals, von den deutschenArbeitern heute jeder jedes dritte Jahr einmal. Uns alle, welche arbeitsunfähig machen,sind viel seltener; aber wenigstens die schwereren unter ihnen treffen den Verunglücktenund seine Familie um so härter. Ist das Ereignis eine Folge der gewöhnlichen haus -wirtschastlichen Thätigkeit, wie eines Sturzes vom Wagen oder der Leiter, eines Schlagesvom Pserde, eines Unglücks auf der Jagd, so trifft wenigstens keinen Dritten die Schuld.Der Betreffende und die Familien müssen es tragen; nötigenfalls tritt die Armenpflege,das Hospital, die Unterstützung von Verwandten ein. Wo aber besondere Gefahren miteinem Beruf im Dienste Dritter sich verbinden, wie mit der Bergwerksarbeit, demSchiffergewerbe, dem Fclddienst der Soldaten, da hat man seit Jahrhunderten schongetrachtet, Stiftungen, Kassen, Jnvalidenhäuser zu schaffen, um die mittellosesten derVerunglückten zu unterstützen. Aber so mancherlei derart auch geschah, z. B. für dieKriegs- und Berginvaliden, so wenig reichte es doch aus. Und je mehr die Groß-industrie zunahm und in ihr die vielfach gefährliche Maschinentechnik, desto dringlicherwurde es, sür die Verunglückten zu sorgen, welche im Dienste der Unternehmer ihremBerusc erlagen, und für welche bisher weder Rechtsschutz noch Versorgung in ausreichen-dem Maße bestand. Von 18501880 wurde die Frage der Betriebsunfälle in den Kultur-staaten immer dringlicher. Man zählte in Preußen 1869 5999, 1876 13 600 schwereUnfälle, wovon 3125 und 8333 im Berufe erfolgten, 4769 und 6141 tödlich waren; einebesondere deutsche Erhebung von 1881 erzeugte die Erwartung, daß jährlich 88 722 Betriebs-unfälle vorkämen, 20 °/o davon über vicrwöchcntliche Arbeitsunfähigkeit, 23 °/o den TodZur Folge hätten. Im englischen Bergbau rechnete man 186175 jährlich 9001400Opser. Die Unfallversicherung in den Händen von privaten Versicherungsanstaltenbegann in der Weise, daß die haftpflichtigen Unternehmer den Schaden, der sie treffenkonnte, bei diesen Gesellschaften versicherten. Mit den deutschen Unfallversicherungs-gesetzen von 1884 an erhielt man erst eine genauere Kunde vom Umfang der beruflichenUnfälle, aus welche die Gesetze sich erstrecken; es sind in der Hauptsache die in den gewerb-lichen Betrieben (mit Ausschluß des Handwerks), den Verkehrsbetrieben (mit Ausschlußdes Handels) und den land- und forstwirtschaftlichen. Es sind also in dieser Statistiknicht einbegriffen alle beruflichen Unfälle von Arbeitern in den ausgeschlossenen Be-trieben, alle beruflichen Unfälle der Betriebsleiter und der Beamten mit über 2000 Mk.Jahresverdienst, alle Betriebsunsälle, welche dritte Personen, Unbeteiligte, Passagiere u.s.w.betreffen und endlich alle nicht beruflichen Unfälle, also die in der Hauswirtschaft, ausder Straße oder sonstwie sich ereignenden. Das Ergebnis ist sür das Deutsche Reichfolgendes:

n> Kleinere BerusSunfälle I>) Größere Berussunsälle Unter l>) waren: Aus I0W Versicherte kamen

mit Arbeitsuusähigksit mit Arbeitsunfähigkeit »»i,,-^, solche mit dauernder a> und b> .. -unter 13 Wochen über IS Wochen Erwerbsunfähigkeit zusammen

1889 143425 31449 6260 2903 13,0 2,3

1894 2l3 363 69 619 6361 1784 15,6 3,8

1399 337 277 106 036 3124 1326 23,7 5,6