Teil eines Werkes 
2 (1904) Verkehr, Handel und Geldwesen : Wert und Preis ; Kapital und Arbeit ; Einkommen, Krisen, Klassenkämpfe, Handelspolitik ; Historische Gesamtentwickelung
Entstehung
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Z59 Drittes Buch. Der gesellschaftliche Prozeß des Güterumlaufes u. der Einkommensverteilung. ^898

oder auf lange. Die Krankheitskosten wirken für die Familienwirtschaft wie die Kriegeund Ähnliches für die Staatswirtschaft. Sie kommen unregelmäßig und unerwartet; dasgewöhnliche Budget ist nicht für sie eingerichtet. Ja wenn die 56 Krankentage, diejährlich in Deutschland auf einen versicherten Arbeiter kommen, auf alle nach Alter undund Beruf gleich verteilt wären, wenn jeder Arbeiter zweimal jährlich 3 Tage deshalbfeiern müßte, dann wäre die Last nicht so schwer zu tragen. Aber die jungen Jahre,die kräftigsten Leute, die gesundesten Berufe haben lange Zeiten ohne Krankheitstage;mit höherem Alter, in bestimmten Berufen nehmen sie zu; und einzelne werden, jungoder alt, von monatelanger Krankheit und damit von Verdienstlosigkeit und großenKosten von 100300 und mehr Mark befallen. Die alte Sitte, daß der Brotherrdas Gesinde, die Commis, die Gesellen, die Matrosen eine Zeitlang verpflegt, den Lohnfortzahlt, ist auch heute noch nicht ganz verschwunden, aber sie ist doch in rascher Ab-nahme begriffen. Wo vollends tägliche Entlaßbarkeit Sitte geworden, da macht Krankheitden Arbeiter sofort brotlos, übergiebt den Kranken und feine Familie dem Hunger undder Armenkasse, wenn sie nicht versichert sind. Je niedriger die Löhne stehen, desto er-wünschter ist es, daß auch Frau und Kinder des Arbeiters gegen Krankheit versichertsind; sie bleiben sonst ohne ärztliche Pflege und Arznei, der Mann kann aus seinenlaufenden Einnahmen schwer etwas für sie thun. Es ist nicht übertrieben, wenn manbehauptet hat, vor der neueren Arbeiterversicherung sei in den Kulturländern für krankePferde und krankes Rindvieh meist besser gesorgt worden als für die kranken Arbeiter.Auf Armenkosten kamen die Leute häufig erst dann ins Spital, wenn es zu spät war.Für sehr viele Arbeiter hat eine Krankenpflege überhaupt erst mit der neueren Arbeiter-versicherung begonnen. Um welche großen Schäden aber es sich dabei im ganzenhandelt, sei nur durch folgende Angaben aus der neuesten deutschen Krankenversicherung(die auf dem Gesetz von 1883/1892 beruht) erhärtet:

Zahl der Zahl der auf 100 Zahl der Krankheitstage

versicherten Krankheitsfälle Versicherungen absolut aus einen Krankenfall

1888 6,4 Mill. 1,7 Mill, 32 Fälle 29,S Will- 16,8 Tage

1899 9,2 3,4 38 60,4 1S.8

Wenn heute durch die organisierte Krankenpflege jährlich in Deutschland etwa200 Mill. Mark (einschließlich der Berg- und Eisenbahnarbeiter) ausgegeben werden, soerhellt die Bedeutung dieser Hülfe durch den Vergleich mit der öffentlichen Armenpflege,welche noch nicht so viel kostet.

b) Das Wochenbett der ärmeren Frau, auch wenn es gut verläuft, bringt Kostenund längere Arbeitsunfähigkeit; humane Vereine, die innere Mission, katholischeSchwestern treten da mannigfach helfend ein, liefern Nahrung und Pflege für dieBetreffende und ihre Familie in solcher Zeit. Aber das reicht nicht aus. Daher istauch hier die Versicherung, welche sich am besten mit der Krankenversicherung verbindet,am Platz; die Frau muß für die Zeit des Wochenbettes eine bestimmte Einnahme er-halten. Die deutschen Krankenkassen zahlten 1897 über 2 Mill. Mk. für solche Fälle.

e) Stirbt der arme Mann oder ein Glied seiner Familie, so entstehen Kostenaller Art; ein anständiges Begräbnis will selbst die ärmste Witwe ihrem Mann ver-schaffen; stirbt ein verdienendes Familienglied, so wird die ganze wirtschaftliche Lageeine andere; ein Umzug, die Änderung aller Verhältnisse macht Kosten. Daher dasBedürfnis für die Familie, im Falle eines Todes eine etwas größere Summe vonwenigstens 50, 100, auch 200 Mark in die Hand zu bekommen, das durch die Ver-sicherung eines Sterbegeldes befriedigt wird. Sie ist eigentlich älter als dieKrankenversicherung; die niedrigsten Arbeiter wie der Mittelstand fühlen die Notwendigkeitund sind bereit, hierfür etwas in guten Tagen zu zahlen. Besondere Sterbekassen und diemeisten Krankenkassen dienen dieser Versicherung. Außerdem kommt die oben erwähnteWolksversichcrung diesem Bedürfnis entgegen. Wo sie sich weit ausgedehnt hat (z. B. inNewark, N. I. Ver. Staaten), von da wird berichtet, daß früher die Hälfte allersterbenden Einwohner ein Armenbegräbnis in Anspruch nahmen, daß jetzt aber Derartiges