Teil eines Werkes 
2 (1904) Verkehr, Handel und Geldwesen : Wert und Preis ; Kapital und Arbeit ; Einkommen, Krisen, Klassenkämpfe, Handelspolitik ; Historische Gesamtentwickelung
Entstehung
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Wesen der Arbeiterversichcrung. Entstehungsursachcn.

Verbände, die Zunahme von Personen, welche auf mäßige, meist wechselnde, oft unsichereGeldcinnahmen gestellt sind, und welche zugleich in ihrer Ausgabewirtschaft noch nichtgelernt haben, für die Zeiten größerer Auslagen und Kosten Rücklagen zu machen,welche die täglichen Einnahmen auch täglich ausgeben, das sind die allgemeinen Voraus-setzungen, welche die Arbeiterversicherung in der Gegenwart immer nötiger machten. Indem Maß, wie die Geldwirtschaft, der Großbetrieb, die freie Konkurrenz, das Geldlohn-verhältnis zunahm, wuchs das Bedürfnis. Es ist geringer, wo noch ein breiter Bauern-stand, wo zahlreiche Parzellen- und Zwergwirte existieren, wo ein größerer Handwerker-und Kleinhändlerstand sich noch erhielt,wo die ländlichen Tagelöhner noch in Natura bezahltwerden, die meisten kleinen Leute noch ein Allmendestückchen, einen gepachteten Kartoffel-und Gemüsegarten haben. Alle derartigen Familien haben in ihrer Eigenwirtschaft,in den Naturaleinnahmen einen Rückhalt, der bei Krankheit z. B. nicht gleich versagt.Die geographisch und zeitlich so verschieden auftretende Dringlichkeit der Arbeiter-Versicherung erklärt sich zu einem guten Teil aus den eben charakterisierten verschiedenensocialen Zuständen.

Ebenso hängt mit ihnen, wenigstens teilweife, die Frage zusammen, ob die be-ginnende geldwirtfchaftliche Fürsorge sich der Arbeiterversicherung oder der Sparkasseoder der Anlage im eigenen Kleinbetrieb zuwendet oder zuwenden soll. Wo die unterenKlassen noch eine mehr kleinbürgerliche oder kleinbäuerliche Lebensführung haben, kannvielfach jede ersparte Mark besser zum Ankauf einer Ziege, eines Schweines verwendet,in die Sparkasse getragen als in eine Krankenkasse gezahlt werden. Wir werden sehen,wie aus solchen Zuständen heraus eine Opposition gegen das Versicherungswesen er-wachsen ist, wie dasselbe da am frühesten Platz griff, wo diese Zustände durch Groß-betrieb und reinen Geldlohn seit länger am weitgehendsten verdrängt wurden. Imganzen werden wir aber sagen, hindern sich Sparkasse und Hülfskasse aus die Dauernicht; die eine giebt eine frei verfügbare, die andere eine zu festem Zweck gemachteRücklage und Sicherung. Beide sind nötig, und wer in die Sparkasse zahlt, wird auchleicht Mitglied einer Hülfskasse und umgekehrt. Die weitgehende deutsche Zwangs-arbeiterversicherung hat nicht gehindert, daß Deutschland zugleich das entwickeltste Spar-kassenwefen hat; die geringe Entwickelung der französischen Hülfskassen hat dort die Spar-kasseneinlagen nicht besonders gesteigert.

Das stärkste Bedürfnis für Kranken-, Invaliden- u. f. w. Versicherung hat dermoderne reine Geldlohnarbeiterstand. Aber auch viele andere kleine Leute, Handwerker,Heimarbeiter, Werkmeister, Kleinbauern hängen mehr und mehr von schwankenden Geld-einnahmen ab, erhalten eine gesicherte Lebensführung nur durch die Versicherung. Woman, wie in Deutschland , die Arbeitcrversicherung ganz auf Lohnarbeiter zuschnitt, dieErhebung der Beiträge wesentlich durch Lohnabzüge seitens des Arbeitgebers ausführenläßt, hat man den Beitritt jener anderen Elemente erschwert. Sie machen bei denfreien Krankenkassen Englands und Frankreichs ^/gV2 der Mitglieder aus. Man hatauch in Deutschland mehr und mehr eingesehen, daß man ungerecht und falsch handelte,diese Elemente des unteren Mittelstandes, deren wirtschaftliche Lage oft schlechter istals die der besseren Arbeiter, auszuschließen. Man versucht jetzt mehr und mehr, ihnendie Versicherungseinrichtungen zu öffnen.

Gehen wir nach diesen allgemeinen Vorbemerkungen zu den Bedingungen undwirtschaftlichen Voraussetzungen der einzelnen Arten der Arbeiterversicherung über, diesie heute so notwendig machen.

a.) Alle Krankheit bringt Störung und Kosten in die Wirtschaft der Familie,um so größere, je geringer das Einkommen, je mehr es vom Gcldvcrdienst der Elternabhängt. Die Krankheit der Kinder ist noch erträglich, wenn die Mutter zu Hause ist;Krankheit der Mutter ist schon viel schlimmer, zumal wo nicht halb oder ganz er-wachsene Kinder und Dienstboten in der Wirtschaft helfen; am härtesten ist die Krank-heit des Vaters, zumal, wenn damit der Verdienst aufhört. Selbst in Familien mitgesichertem Einkommen sind die Kosten für Pflege und Kuren oft schwer aufzubringen;bei den kleinen Leuten und Arbeitern vernichten sie meist die wirtschaftliche Existenz ganz