Teil eines Werkes 
2 (1904) Verkehr, Handel und Geldwesen : Wert und Preis ; Kapital und Arbeit ; Einkommen, Krisen, Klassenkämpfe, Handelspolitik ; Historische Gesamtentwickelung
Entstehung
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Z5>8 Drittes Buch, Der gesellschaftliche Prozeß des Gutcrumlaufes u. der Einkommensverteilung. j81t>

die sammelnden Sterbckassen auf 5,5, aber doch auf 34 Mill. Mitglieder gebracht;14 der größten Orden hatten 1899 etwas über 2 Mill. Mitglieder und über 20 Mill. FVermögen, während die Sterbekassen auf ihre 5,5 Mill. nur 4,8 Mill. A besaßen.Von den 1899 gezählten 29 900 Kassen werden Wohl 26 000 oder mehr Lokalabteilungender großen Orden sein. Daß diese von 18401900 verstanden, immer mehr kleine,schlecht verwaltete Lokalkassen sich anzugliedern, ist vielleicht die wichtigste Thatsacheder Reform; die früher selbständigen Lokalkassen behielten ihre kräftige, persönliche Ver-bindung, ihre Feste, auch den größten Teil ihrer Finanzen; sie fügten sich schwer undlangsam der Reform, die von den Centralorganen der Orden ausging; aber geradein der Reibung und dem Zusammenwirken der lokalen und centralcn Organe liegt dasheilsame Leben dieser sich immer mehr ausdehnenden Vereine, deren größte jetzt6800 000 Mitglieder und Vermögen von 68 Mill. F (123163 Mill. Mk.) haben.Ihre Mitglieder gehören freilich ebenso wie der Elite der Industriearbeiter, so dem kleinenMittelstande an; Kleinhändler und Handlungsgehülsen, Handwerker, hochbezahlte Dienst-boten sind zahlreich bei ihnen; vornehme Aristokraten und Minister trifft man in ihren Listen.Der Geist, der sie beseelt, ist ein religiös-gesellig-humanitärer; sie feiern Feste und Um-züge, halten an jedem Sonntag in der Loge erbauliche Vorträge, haben geheime Zeichenund Würden nach dem Vorbilde der Freimaurer . Die einzelne Loge, mit 80150 Mit-gliedern, besorgt selbständig das Krankenkassenwesen; 1020 Logen zusammen bildeneinen Distrikt, der in der Hauptsache jetzt das Begräbnisgeldwcsen an sich gezogen hat;an der Spitze steht die Centralleitung, d. h. eine jährlich an anderem Ort tagendeDelegiertenversammlung und der dauernde, von ihr gewählte Exekutivausschuß; letztererhat in den großen Orden die Altersversicherung und eine Anzahl besonderer Fonds zurUnterstützung verschiedener Zwecke in Händen. Das Geheimnis der Blüte der Ordenliegt darin, daß die besten Mitglieder in einer Hierarchie von Ehrenämtern empor-steigen und neben sich das gut bezahlte Beamt entum der Sekretäre haben, welche teil-weise zu den besten mathematischen Versicherungstechnikern Englands gehören; so hatdie Verwaltung eine demokratische Basis in der Loge, aber zugleich eine aristokratisch-bureaukratische Spitze, welche auf Centralisation, Freizügigkeit zwischen den Logen,strenge Deckung der Verbindlichkeiten, solide Geschäftsführung immer mehr hinarbeitet.Die Orden haben durch ihre eigentümliche Organisation das Problem gelöst, eineSumme kleiner Lokalvereine, wie sie zur Erzeugung des genossenschaftlichen Geistes undzur Krankenkontrolle nötig sind, zusammenzufassen zu ganz großen Kassen; und solchesind für die finanzielle Leistungsfähigkeit und die anderen Ziele der Arbeiterversicherung er-wünscht. Wir haben in Deutschland teils zu kleine leistungsunfähige Krankenkassen, teilszu große finanziell gut situierte, die aber des genossenschaftlichen Zusammenhanges ent-behren. Die größeren Orden sind eine der wichtigsten Schulen Englands für Gesittung,Sparsamkeit, Voraussicht und Geschäftskenntnis; das kirchliche, politische und socialeParteiwesen ist aus den Orden verbannt. Alle Berufe sind in ihnen nebeneinandervertreten.

Im Gegensatz hierzu steht das Hülfskassenwesen der Gewerkvereine und diegroßen Hülfskassen der Bergarbeiter und Lokomotivführer, welche nur Berufsgcnossen auf-nehmen und unterstützen. Die Kassen der älteren Gewerkvereine mit gelernten Arbeiternhaben keine besonderen Fonds für die Arbeitslosen-, Wander-, Kranken- und Sterbegeld-unterstützung, für die Alters- und Jnvalidenpensionen und besonderen außerordentlichenHülfen, die sie bewilligen; sie betreiben die Unterstützung nicht versicherungstechnisch,sondern verlassen sich aus ihre Sitte, leere Kassen durch erhöhte Umlagen wieder zufüllen, und sind damit ausgekommen. Der einzelne Arbeiter hat in ihnen keinen festenRechtsanspruch auf irgend eine Unterstützung; wird er ausgestoßcn, so erhält er nichts,auch wenn er jahrzehntelang wöchentlich seine Beiträge gezahlt hat. Aber praktischwirken die Gewerkvereine wie die Hülfskassen. Die 100 größten Gewerkvereine mit etwasüber 1 Mill. Arbeitern gaben 18921900 13.5 Mill. F (276 Mill. Mk.), darunter22°/o für Arbeitslose, 17,4°/« für Kranke, 9,6 °/o für Altersrente, 11,3 °/o für Sterbe-geld und andere ähnliche Zwecke, zusammen 60,3 °/o sür Hülfszwecke (etwa 162 Mill. Mk,,