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Die Arbeitslosigkeit, ihre Ursachen und Folgen.
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nachfrage so stark, daß bei kurzen Arbeitsverträgen immer periodisch Arbeitsmangelund Arbeitsüberfluß eintreten muß.
Die Bettlerscharcn des 14.—16. Jahrhunderts waren die Vorläufer der heutigenArbeitslosen. Die englischen Armengesetze von 1576—1601 und später wiederholeninimer wieder die Mahnung an die Friedensrichter und an die Armenaufseher, siesollten die unbeschäftigten Arbeitsfähigen zur Arbeit setzen, Vorräte von Flachs, Hanf,Wolle, Zwirn und Eisen zur Beschäftigung der Arbeiter kaufen. Wo die Bevölkerungwuchs, wo Bauern gelegt wurden, wo Städte und Zünfte engherziger in der Aufnahmewurden, entstanden leicht Arbeitslose; die beginnenden Söldnerheere beschäftigten Tausendeimmer nur in den Sommermonaten, oft nur auf Wochen; nachher waren die reis -laufenden Knechte verdienstlos. Immerhin blieb die Beschäftigung im 17., 18. und inder ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts noch relativ stabil. Friedrich d. Gr. legteallen größeren und privilegierten Verlegern der Heimarbeiter die Pflicht gleichmäßigerBeschäftigung auf, die älteren Reglements der Hausindustrie erstrebten dasselbe. Erst dieGroßindustrie, das erwerbslustige Unternehmertum der heutigen Industriestaaten, dieneuere Gewerbefreiheit und Gestaltung des Arbeitsverhältnisses erzeugten in den kritischenJahren 1845—1851, 1857-1860, 1873-1880, 1391 — 1894, 1900—1902 ScharenArbeitsloser, wie man sie bisher nicht gekannt hatte. Die Frage der Beschäftigungs-losen, der brotlosen Reservearmee wurde eine der brennendsten der Zeit; sie schürte dasFeuer beim Ausbruch aller revolutionären Bewegungen des Jahrhunderts, sie wurdezum Mittelpunkt der neueren socialen Theorien. Es handelt sich um eine große, offene,brennende Wunde am Körper unserer Volkswirtschaft. Die Armenkassen können immerweniger Herr über diese Not werden; die neueren Krankenkassen werden in der Arbeits-losenzeit über alle Maßen in Anspruch genommen, verzehren dabei ihre Reserven. Wernoch kräftig ist, noch arbeiten kann und kein Verdienst findet, geht leicht körperlich undmoralisch zu Grunde; er fängt an zu betteln, zu trinken, zu wandern, zu stromern; erverzweifelt an sich und der Gesellschaft, er wird ein Vagabunde, oft bald auch ein Ver-brecher. Und indem Tausende, zeitweise Hunderttaufende so verkommen, kosten sie derArmenpflege, der Krankenkasse, der Polizei, den Arbeits- und Zuchthäusern Millionen,gehen Millionen an Arbeitswerten verloren (man hat den letzteren Posten schon fürDeutschland 1893 zu 60—90 Mill. Mk. jährlich, für 1895 auf 134—167 Mill. Mk. be-rechnet), wird das ganze Niveau der Lebenshaltung der unteren Klassen bedroht.
Um das Übel etwas genauer zu fassen, muffen wir einen Moment auf die Größeund Art desselben, sowie auf die einzelnen mitwirkenden Ursachen eingehen.
Der letzte Höhepunkt der Arbeitslosigkeit, der allein etwas genauer bis jetztuntersucht ist, liegt in den Jahren 1892—1895. Man schätzte damals die Arbeitslosenin den Vereinigten Staaten auf 2 Mill., auch in Großbritannien auf 1,25—2 Mill.;in Deutschland sprach man von 200 000 bis 2 Mill.; Oldenberg nimmt an, die am2. Dezember 1895 gezählten 0,7 Mill. seien 1892 doppelt bis dreifach so hoch gewesen. Aberdie meisten dieser Schätzungen und auch viele Zählungen übertreiben sehr; man sprach 1392in den deutschen Zeitungen von 180 000 stellenlosen Handlungsgehülfen; wahrscheinlichwaren es höchstens 4000. Unter den 0,7 Mill. deutschen Arbeitslosen vom Dezember1895 waren 0,2 Mill. Kranke, also blieben nur 0,5 Mill. Gesunde. In Stuttgart wollte man 1892—1893 2086 Arbeitslose gezählt haben, zur städtischen Notstandsarbeitmeldeten sich 235. In Zürich meldete» sich im Winter 1879—1880 554 Arbeitslose;als man untersuchte, ergaben sich 129 bestrafte Verbrecher und Arbeitsscheue, 206 Un«erforschliche, 13 Vermögende, 39 bereits wieder in Arbeit stehende, 167 wirklich Arbeits-lose. Rechnet man alle, die in einem ganzen Jahre über 2 Tage ohne Arbeit waren, sobekommt man leicht 30—50, ja mehr Prozent Arbeitslose; rechnet man in derselbenStadt nur die an einem bestimmten Tage Arbeitslosen, so sind es vielleicht 1—5°/o;und nicht viel mehr, wenn man die Prozentzahl der Tage ohne Arbeitsverdienst gegen-über allen möglichen Arbeitstagen berechnet. Die Arbeitslosigkeit ist nach Gewerbenund Gegenden sehr verschieden. Im englischen eisernen Schiffsbau feierten zeitweise1885—1886 53 °/o, während zur selben Zeit in der Spinnerei und Weberei 9 °/o der