Zg4 Drittes Buch. Der gesellschaftliche Prozeß des Güterumläufe? u. der Einkommensverteilung. ^842
Arbeiter brotlos waren. In den großen deutschen Städten hatten am 2. Dezember 1895 dieostdeutschen, hauptsächlich die Seestädte, 6—10 °/o der Arbeiter, die Westdeutschen, auch diegroßen Industriestädte 2—4 °/o Arbeitslose. Die verschiedene gesellschaftliche Struktur,die verschiedene Art des Arbeitsverhältnisses bewirkt das. In den Vereinigten Staaten und Australien sind alle Arbeitsbeziehungen so viel loscr, daß dort viel rascher großeArbeitslosigkeit entsteht. Im Sommer sinkt die Ziffer stets; es waren Juni 1895 inDeutschland mit den Kranken 0,29 Mill., ohne sie 0,18, während es im Dezember 0,7resp. 0,5 Mill. waren. Bei allen Aufnahmen sollte man die Kranken, die Invaliden,die alten Leute ausscheiden; auch feststellen, wie viele gesunde, erwachsene Arbeitslosebereits Armenunterstützung erhalten, wie viele Frauen, besonders Witwen, unter den-selben sind; auch wie viele durch Eigenwirtschaft und eigenen Besitz, durch Arbeit vonFrau und Kindern, durch Berwandtenunterstützungcn sich halten können, ist eigentlichnötig zu wissen. Im ganzen wird man als wahrscheinlichen Durchschnitt von Westeuropa folgendes sagen können: auch in guter Zeit wird meist 0,5—1,0 °/o Arbeitsloser wegenOrts-, Berufs-, Stellenwechsel vorhanden sein; sie steigen nun in den gelernten Berufen bisauf 2—3 "/» bei flauer Konjunktur, auf 5—10 °/o in der Krisis; ausnahmsweise höherin Gewerben wie Schiffsbau, Baugewerbe u. s. w.; die ungelernten Arbeiter aberkommen schon in flauer Zeit leicht auf 10 — 15, in eigentlicher Notzeit auf 15—30°/».
Die Länder, Gebiete, Städte, welche die modernen Formen der wirtschaftlichenOrganisation am meisten ausgebildet haben, welche am meisten in den Weltverkehr ver-flochten sind, welche die schroffsten Klassengegensätze und Kämpfe, die rücksichtslosestenUnternehmer und die streitlustigsten Arbeiter haben, werden die größten Zahlen auf-weifen. Sie sind überhaupt die, welche die stärksten Wirtschaftskrisen, den stärkstenWechsel von Hausse und Baisse auszuhalten haben.
d) Im übrigen haben auch etwas zurückgebliebenere Länder beim Übergang indie neueren Wirtschaftsformen zeitweife große Arbeitslosigkeit, wie z. B. fogarRußland und China; sie kommt da nur etwas weniger an die Oberfläche; sie wird durchdie teilweise noch vorhandene Natural- und Eigenwirtschaft, die Familien- und Gcmeinde-zufammenhänge mehr verdeckt. Und vor allem nicht bloß die eigentliche Krisenzeit kenntdie Erscheinung; sie ist chronisch teilweise Jahrzehntelang in Westeuropa da vorhandengewesen, wo die großen Veränderungen der Technik, der Betriebsformen, des AbsatzesTausenden und Hunderttausenden von Kleinbauern, Halbpächtern, Heimarbeitern, Hand-werkern und gewerblichen Lohnarbeitern ihre bisherige Existenz raubten, und der so ein-tretende Verarmungsprozeß ein, zwei oder mehr Generationen durch Aufschwungs- undNiedergangsperiodcn hindurch sich fortsetzte. Die Bauernlegnngen der älteren Zeit, dasAufhören der Handspinnerei und -Weberei von 1806—1890 in England, Deutschland und anderwärts sind Beispiele dieser Art. In den Vereinigten Staaten haben dietechnischen Fortschritte in vielen Industrien 1880—1900 zeitweise 15—62 °/o derArbeitskräfte dieser Branchen aufs Pflaster geworfen. Losch berechnet, daß bei all-gemeinstem Siege des Großbetriebes in Deutschland 2,3 Mill. Arbeiter entbehrt werdenkönnten. Meist vollzieht sich ja nun Derartiges langsam; der Übergang kann gemildertwerden; die Baucrnlegung konnte und ist durch richtige Maßregeln und Gesetze da unddort gehindert worden; heute kann ein Teil des Handwerks, der Hausindustrie, des Klein-handels durch technische und kaufmännische Fortschritte erhalten werden. Immer aberist im Auge zu behalten, daß die ungeheuren Umwälzungen der Volkswirtschaft, denensich nicht alle Kreise sofort anpassen Können, ein gut Teil der zeitweifen Arbeitslosig-keit bedingen. Die Krisen, wie diese Änderungen brechen über die betroffenen Schichtenwie ein Schicksal herein, für das sie nicht verantwortlich sind.
o) Das Gegenteil könnte man eher von dem erheblichen Teile der Arbeitslosenbehaupten, die als die schlechteren, ungeschickteren am ehesten dem Stellenverlustausgefetzt sind. Die verstärkte Konkurrenz hat alles gemächliche Leben, wie es früher beigesicherterem Markte vorhanden war, erschwert. Es findet eine zunehmende Bevor-zugung der Kräftigen und Fähigen statt. Karl Booth sagt von den englischen Arbeits-losen: „als Klaffe sind sie eine Auslese der Unfähigen". Aber so richtig das sein mag,