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Das Verhältnis des Vermögens- zum Arbeitseinkommen.
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voll und sicher für Zunahme des Arbeitseinkommens sprechen die Ergebnisse der sächsischenEinkommensteuer: Gehälter und Löhne allein stiegen 1879 — 1900 von 34,9 auf45,6 "/o alles Einkommens, während die reinen Vermögensrenten nur von 10,7 auf12,0 °/o zunahmen: Grundbesitz, Gewerbe und Handel erhielten 1879 54,2, 190042,1°/» des Gesamteinkommens; legen wir von diesen Prozenten die Hälfte als Arbeits-einkommen zu den Gehältern und Löhnen, so war dasselbe 1879 62°/o, 1900 66,9 °/».Doch sind alle diese Zahlen so wenig sicher, und auch wenn sie sicher wären, besagensie ja nicht, ob die 33°/c> Vermögensrente an Millionen kleiner Leute oder an wenigeDutzend Millionäre gehen, und stehen deshalb in der Luft. —
Über das Verhältnis des Gesamteinkommens zum Vermögensbesitz giebt die heutigepreußische Einkommens- und Ergänzungssteuer einigen Ausschluß. Im Jahre 1902waren 3,76 Mill. Haushaltsvorstände und Einzelsteuernde zur Einkommensteuer (über900 Mk.) und 1.29 Mill. mit ebenfalls über 900 Mk. Einkommen zur Ergänzungs.steuer (die mit 6000 Mk. Vermögen, in Ausnahmefällen mit 32 000 Mk.) veranlagt.Es hatten bezahlt physische Personen:
a) Einkommensteuer b) Ergünzungssteuer d °/o von amit 900—3000 Mk. Einkommen 3 310 069 930 998 ----- 29,9
3000-6000 „ „ 291652 203 091 ---- 69,9
6000-9500 . „ 73 808 69 0S5 ----- 93,5
9500-30 500 „ „ 65 259 62 768 ----- 95,1
30 500-100 000 „ ,, 13828 13 141 --- 95,0
über 100 000 ,, „ 3436 2756 ----- 80,2
Das heißt: schon die kleinen und mittleren Einkommen von 900—3000 Mk. haben bis29,9 °/o zugleich Vermögensrente; bei den höheren Einkommensstufen steigen die Ver-mögenden bis zu95°/o; die ganz großen Einkommen über 100 000 Mk. sind aber wiederbis zu ein Fünftel reines Arbeitseinkommen.
Noch etwas deutlicher sieht man das Verhältnis von Arbeits- und Vermögens-einkommen bei Angaben aus einer einzelnen Stadt und ihrer städtischen bis zu 420 Mk.herabgehenden Einkommensteuer. Aus Remscheid kann ich nach einer Privatmitteilungüber die städtische Einkommens- und Vermögenseinschätzung von 1897 anführen, daßdie Stadt 51 777 Einwohner, 10 631 steuerzahlende Haushaltungsvorstände und 9896einzelstehende Steuerzahler hatte, daß von den 20 527 Steuerzahlern 12 595 unter900 Mk. und zwar bloßes Arbeitseinkommen hatten (darunter 6019 unter 660 Mk.,meist Näherinnen, Arbeiterinnen, jugendliche Arbeiter), endlich daß die über 900 Mk.Einkommen Beziehenden zerfielen in: 5560 Personen ohne Vermögensangabe (4 mit über8000, 180 mit über 2700 Mk. Einkommen), in 79 inaktive Geschäftsleute (Rentiers)mit kleinem Vermögen, in 141 aktive mit 2000—6000, 1808 aktive mit 6000—100 000und 232 aktive mit über 100 000 Mk. Vermögen. Auf 5560 Arbeitseinkommen und79 bloße Rentiers fallen 2181 Geschäftsleute, die in ihrem Geschäftsgewinn ein Arbeits-und Vermögenseinkommen haben; die 5560 Arbeitseinkommen werden auch noch teilweisekleine Vermögen unter 2000 Mk. gehabt haben, die in den Steuerlisten nicht erschienen. —
Kommen wir nun aber zur Hauptsache, zur Verteilung des Einkommens ohneUnterscheidung des Ursprungs. Wir fragen, wie kam die Wissenschaft von 1750—1870 zu ihrer ganz pessimistischen Verteilungstheorie. Einsach auf Grund von Zeit-ereignissen, die sie zu stark verallgemeinerte. Der aufgeklärte Rationalismus hatte gegen1750 die Formel gefunden: reiche Länder müssen eine Überzahl Armer haben, die durchNot zur Arbeit gezwungen werden (IIS. 300). Die klassische englische Nationalökonomiewar mit Ricardo zu der Lohn- und Grundrententheorie gekommen (II S. 301 u. 439), diewir kennen. Daran knüpfte Marx an; er hatte wesentlich nur die englische Wirtschafts-geschichte von 1500 an und die englische Baumwollindustrie der Jahre 1806— 1850studiert. Die englische Bauernlegung, die brutale ältere englische Kolonialausbeutung,der ältere englische Negerhandel, die ältere englische parlamentarische Klassenherrschaft,wie sie der städtischen und ländlichen Aristokratie durch Prämien, Schutzzölle, Staats-anleihen u. s. w. die Taschen gefüllt hatte, dann aus der neueren Zeit die steigende Armen-