458 Drittes Buch. Der gesellschaftliche Prozeh des Güterumlauscs u. der Einkommensverteilung ^91«Z
kommensstatistik, ohne specielle historische Untersuchungen war man mit phrasenhaftenKonstruktionen schnell fertig. Man wird zweifeln können, ob es überhaupt eine sichereAntwort auf diese Fragestellung giebt. Immer versuchen wir, kurz zusammenzufassen,was man heute historisch und statistisch etwa wird sagen können.
Es ist freilich unendlich schwer, das Gesamtergebnis der wirtschaftlichen, socialenund rechtlichen Entwickelung der Völker nach dieser Seite hin zu formulieren. Aberdas scheint sicher: bei rohester, niedrigster Kultur giebt es keine Vermögensrente;niemand erntet, wo er nicht persönlich geackert und gesät hat; alle Menschen leben vonihrer Arbeit; aber alle sind arm, schlecht versorgt, jeden Tag dem Elend preisgegeben.Indem Herrschende entstehen, das Vieh- und Menscheneigentum sich bildet, werden größere,zusammenwirkende, besser versorgte Gemeinwesen möglich, entsteht auch die Vermögensrenteneben dem Arbeitseinkommen. Und indem das Grundeigentum entsteht mit seiner un-gleichen Verteilung und später das bewegliche Kapital mit seinen Gewinnmöglichkeitenund Renten, kann das Einkommen aus Vermögen neben dem aus Arbeit weiter, jaauch auf Kosten dieses wachsen. Es geschieht 1. durch die Anhäufung des Vermögensin den Händen einer Minderzahl, 2. durch die steigende Monopolrente der bevorzugtenVermögensstücke, 3. durch alle die socialen Institutionen, welche den herrschenden Ver-mögensinhabern die Möglichkeit bieten, der arbeitenden Masse des Volkes viel mehr alssrüher abzunehmen. Diese Möglichkeit war mit der steigenden Produktivität der Arbeitund ihrer Organisation gegeben, ob dabei die Arbeitenden etwas mehr oder dasselbeoder weniger als früher erhielten. So werden längere Epochen einer stark angewachsenenVermögensrente nicht zu leugnen sein, zumal bei Sklaven- und Hörigenwirtschast, auchnicht beim modernen Übergang zur Geld- und Kreditwirtschaft, zur freien Arbeit.
Aber es wirken dem nun bei höchster Kultur, größtem Reichtum und in Gesellschaftenmit verbesserten Institutionen entgegen: 1. das Sinken des Zinsfußes von 19 auf 4,3, 2,5°/», 2. das Steigen des Lohnes, die Verbesserung der Arbeitsinstitutionen,3. die Verbilligung des Lebens durch besseren Verkehr, durch die Einschränkung derländlichen Monopolrentenbildung, 4. für die reichen exportierenden, Kolonien besitzendenStaaten die großen hiemit gegebenen Gewinnmöglichkeiten, die vielleicht noch mehr denKapital besitzenden, aber auch den arbeitenden Klassen zu gute kommen.
Darnach scheint es richtig zu sein, wenn man die historische Entwickelung soannimmt: die Vermögensrente habe von ursprünglich wenigen Prozenten bis auf einDrittel des Gesamteinkommens, vielleicht da und dort bis auf die Hälfte zugenommen;immer hängt der sociale Druck einer solchen Proportion von der Zahl der Besitzenden undNichtbesitzenden ab. Wir werden aber annehmen können, daß neuerdings die Proportionsich eher wieder zu Gunsten des Arbeitseinkommens verschoben habe. Führen wir einigeschätzende Rechnungen dieser Art an, so roh und wenig zuverlässig sie auch sein mögen.
Nach einer Rechnung, die ich nach der englischen Einkommenstasel G. Kings für1688 machte, und nach den neueren Zahlen von Giffen wird man für England vielleichtdie Prozente des Arbeits- und Vermögenseinkommens so schätzen können:
Arbeitseinkommen Vermögenseinkommen1688 72—73 °/o 17 — 18 "/«
1843 63 „ 37 „
1881 66 „ 31,5 „
Zu ähnlichem Resultat wie die englische Proportion von 1881 komme ich sürNorwegen nach Kiaers Einkommensstatistik von 1395, ebenso für Deutschland nachmeiner Aufstellung oben (II S. 429). Für die Vereinigten Staaten hat Atkinsonsogar nur 10 °/o Vermögenseinkommen berechnet; seine Kritiker haben ihm aber bewiesen,es sei mindestens 32—37 °/o. Für Sachsen hat E. Engel 1875 60 : 40 berechnet, sürPreußen sogar ein größeres Vermögens- als Arbeitseinkommen (letzteres nur zu 32,6 °/o);dabei hat er aber nur die Löhne als Arbeitseinkommen, das Einkommen der Bauern, Hand-werker, aller Unternehmer als Vermögensrente angesetzt; das ist nicht richtig. Bedeutungs-