Teil eines Werkes 
2 (1904) Verkehr, Handel und Geldwesen : Wert und Preis ; Kapital und Arbeit ; Einkommen, Krisen, Klassenkämpfe, Handelspolitik ; Historische Gesamtentwickelung
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Viertes Buch. Die Entwickelung des volkswirtschaftlichen Lebens im ganzen.

hervorgerufen werde. Dem egoistischen Interesse der Unternehmer ständen zu schwacheGegengewichte gegenüber. Besser werde es nur, wenn die Solidarität der Unternehmerund Arbeiter anerkannt werde, wenn die ersteren für die Arbeiter im Falle der Krank-heit, des Alters, der Unfälle, der Arbeitslosigkeit sorgten, wenn die große Masse desVolkes konsumtionsfähiger werde.

Haben Malthus und Sismondi auch mancherlei übersehen, wie z. B. die Nach-frage, welche in den Händen der Kapital Ersparenden und es produktiv Anwendendenentsteht, so waren sie doch die ersten, welche das doktrinäre Übersehen aller kompliziertenZwischenglieder zwischen Produktion und Konsumtion korrigierten; sie beobachteten undwürdigten die Schwierigkeiten, die ihrer steten Anpassung entgegenstehen. Die nächsteGeneration hat im ganzen nicht Viel Neues gebracht; die einen, die abstrakten Theoretiker,schlössen sich Sah und Ricardo, die anderen Malthus und Sismondi an. Von den vierzigerJahren an aber haben die Socialisten die Anklage der letzteren erweitert, die Krisenaus der ganzen heutigen unvollkommenen Wirtschaftsordnung abgeleitet, sie als derenFolge und Totengräber darzustellen gesucht.

Proudhon führt die Krisen auf das Eigentum und den Kapitalzins zurück,will sie durch unentgeltlichen Kredit heilen; ein ganz phantastischer Gedanke. LouisBlanc hat die Sünden der freien Konkurrenz verfolgt und dargestellt. Rodbertuserklärt die Krisen nicht aus dem geringen Anteil der Volksmasse an der Produktionan sich, sondern aus dem Fallen des Arbeitsanteiles an ihr bei steigender Produktivität.Marx sieht in ihnen die Folge des Sinkens der Profitrate und der Akkumulation imSystem der kapitalistischen Wirtschaftsordnung; sie sind ihm das Zeichen, daß die Pro-duktivkräfte der heutigen bürgerlichen Eigentums- und Produktionsordnung über denKopf gewachsen sind; nur vorübergehend schaffe die Kapitalvernichtung und -entwertung.wieder etwas Lust, nur vorübergehend steige der Profit wieder durch technische Fort-schritte und Lohnherabsetzung (vergl. § 232). Die Krisen lehrten stets in verstärktemMaße wieder, erzeugten immer größeres sociales Elend, eine stärkere proletarische Re-servearmee; die Konsumkraft der Nation stocke immer weiter, durch die antagonistischeDistribution, statt zu wachsen, bis die letzte große Krise mit der socialen Revolution dieHerrschaft des Proletariats und die kommunistische Ordnung der Produktion bringe.

So berechtigt und natürlich es war, die Krisen mit den letzten Grundlagen unsererVolkswirtschaft in Zusammenhang zu bringen, so wenig wurden doch solche halb phan-tastische Geschichts- und Zukunftskonstruktionen dem Wesen der Sache gerecht. Allediese älteren Socialisten haben die Krisen nicht im Detail untersucht. Und so kamensie über den einen allgemeinen Gedanken nicht hinaus: das geringe Einkommen derArbeiter und der großen Volksmasse, die zu geringe Kaufkraft der Majorität, diesogenannte Unterkonsumtion einerseits und die planlos anarchische Produktion, dieGewinnsucht der Unternehmer andererseits seien die Hauptursachen. Auch bürgerlicheTheoretiker schloffen sich dieser Lehre mannigfach an.

Was die Unterkonsumtionslehre betrifft, die Marx teils gebilligt, teils getadelt,Kautsky neuerdings noch als die letzte Grundursache der Krisen bezeichnete, Tugan aberabgelehnt hat, so wird nicht zu leugnen sein, daß ein wesentlich höheres Einkommender Arbeiterklasse den Konsum und die innere Nachfrage erhöhen, die Widerstandsfähig-keit der großen Volksmasse in den Deprefsionszeiten heben, die Nachfrageschwankungenvermindern würde. Man wird also zugeben können, daß die zu leicht und zu raschsich einschränkende Konsumtion als eine krisenverstärkende Ursache zu bezeichnen ist, unddaß ein höheres Einkommen der unteren Klassen die Kapitalbildung der höheren Klasseneinschränken würde. Das letztere könnte zeitweise die starke Ansammlung unbeschäftigterLeihkapitale, die oft zu Übertreibungen in der Gründungsthätigkeit Anlaß giebt, ver-mindern, aber würde wahrscheinlich das periodische Sinken des Zinsfußes doch nichtaufheben; denn es würden dann die Sparpfennige der Kleinen sich so viel stärker an-sammeln. Und würde infolge davon überhaupt weniger gespart und Kapital gebildet,so ist die Frage, ob das nicht der wirtschaftlichen Gesamtentwickelung mehr schädlichals der Krise nützlich wäre. Jedenfalls aber denken sich die Socialisten die Unterkonsum-