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Viertes Buch. Die Entwickelung des volkswirtschaftlichen Lebens im ganzen.
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messen. Die Enquete des Vereins für Socialpolitik über die neueste Krise wird weiteresLicht in dieser Richtung bringen. Unsere obige Darstellung der Krise beruht auf dieserganzen neuen Litteratur. Sie wird uns auch befähigen, ein vorläufig abschließendesGesamturteil nun abzugeben.
243. Zusammenfassendes Urteil. Arten der wirtschaftlichenSchwankungen und Stockungen, der Krisen. Wir haben anzuknüpfen andie einleitenden Bemerkungen in § 238: Jeder volkswirtschaftliche Körper (und je größerund komplizierter er ist, desto mehr) muß Stockungen, Schwankungen, Übergangszeiten,Blüte- und Rückgangsepochen haben, denn er ist, wie alles organische Leben demWachstum, dem Leben und Sterben unterworfen. Aber wir werden jetzt hinzufügenkönnen: diese Schwankungen werden im Laufe der volkswirtschaftlichen Entwickelungnach Größe und Art sich ganz wesentlich geändert haben. Die Ursachen dieser Änderungenund den typischen Verlauf derselben gilt es zu erkennen.
Die Schwankungen mußten bei primitiver Technik, geringer Beherrschung derNatur, großen Erntewechseln, bei wenig ausgebildeter socialer Organisation, bei demLeben in Stämmen und Kleinstaaten, die sich ewig befehdeten, an sich viel größer seinals später. Die territoriale und die Volkswirtschaft, die Verbindung vieler Volks-wirtschaften zur Weltwirtschaft, die damit gegebene Arbeitsteilung mit wachsendem Ver-kehr, mit langen Friedensepochen, sie schufen einen durch Naturursachen, Krieg undSeuchen viel weniger bedrohten Zustand, aber zugleich die Störungen im Mechanismusder Cirkulation der Güter; und diese mußten zunächst mit der Größe der Märktewachsen; nur die vollendetste Organisation des socialen Mechanismus, der das inter-nationale Zusammenwirken reguliert, kann nach und nach wieder mehr Herr über dieStörungen werden. — So überblicken wir heute die notwendige Entwickelung derStörungen, ihre Verschiedenheit, ihre weit auseinander liegenden Ursachen. Wir habendas Bedürfnis nicht mehr, alle diese Stockungen und Krankheiten und alle ihre Phasengleichmäßig mit dem Worte „Krise " zu bezeichnen.
Zunächst scheint es jedenfalls zweckmäßig, zwei große länger dauernde Gruppenvon wirtschaftlichen Gesamterfcheinungen, die man oft auch als Krisen bezeichnet hat,von den periodischen Auf- und Abwärtsbewegungen zu scheiden, wie sie als typisch in§ 240 geschildert sind. Wir meinen erstens die Jahrhunderte umfassenden Aufschwungs-und Niedergangsperioden der Völker und ihrer Volkswirtschaft überhaupt und zweitensdie kritischen Umbildungsprozcsse der Verfassung ihrer Volkswirtschaft und ihrer Stellungnach außen, die meist auch Jahrzehnte, oft noch länger dauern.
Die erstere Erscheinung haben wir in der Blüte und dem Verfall der antiken undeinzelner moderner Völker vor uns; der Niedergang kann auch ein vorübergehendersein, wie der von Italien und Deutschland vom 16. Jahrhundert an. WirtschaftlicheUrsachen stehen sicher dabei im Vordergrunde; sie können zum Teil ähnliche sein, wiebei den heutigen modernen Produktionskrisen. Im ganzen handelt es sich aber umetwas Anderes, viel Allgemeineres. Die heutigen Produktionskrisen sind hauptsächlichWachstumsfieber der modernen, reich werdenden Staaten; sie sind auch bei niedergehen-den Völkern nicht ausgeschlossen, werden da aber doch einen anderen Charakter haben.Die Untersuchung wird unklar und verwirrt, wenn man, wie es die älteren Socialisten,hauptsächlich Marx, thaten, die heutigen Krisen gar nicht für sich, sondern nur alsein Symptom der steigenden Degeneration unserer Kulturepoche, unserer ganzen volks-wirtschaftlichen Verfassung betrachtet. Auch Tugans im ganzen so gutes Buch leidetdaran, daß er mehr den volkswirtschaftlichen Niedergang Englands durch die Anarchiedes Kapitalismus beweisen, als die englischen Krisen für sich erkennen will.
Die zweite erwähnte Erscheinung haben wir oben § 238 für sich betrachtet: dieinneren Umwandlungen in der Verfassung der Volkswirtschaft und die veränderten Macht-und Wirtschaftsbeziehungen nach außen. Es sind Teilerscheinungen der oben betrachtetengroßen Aus- und Niedergangsbewegungen. Sie zeigen ihre Schärfe dann, wenn siemit Prodnktions-, Kredit-, Geldkrifen zusammentreffen und steigern diese. Aber sie sindetwas für sich Bestehendes, und man sollte sie lieber als volkswirtschaftliche Verfassungs-