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Beurteilung der Krisen, die Veränderung ihres Wesens,
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Der periodische Wechsel der Konjunkturen, wie er jetzt seit 2 — 3 Jahrhundertenbesteht, wird sicher in absehbarer Zeit nicht ganz aushören. Massenpsychische und ge-schäftlich technische Ursachen erzeugen ihn. Schon Marx wies daraus hin, daß die Um-schlagsdauer des firen Kapitales die Wiederkehr bedinge. Man könnte auch sagen, dieZeit, innerhalb welcher das Bedürsnis großer Produktionsausdehnung erst gefühlt, durchdie Preislage dann angeregt wird, innerhalb welcher dann die Aussührung der Fort-schritte möglich ist, die meist längeren Epochen, welche für eine Umstimmung und Um-bildung der Marktmeinung und des Preisstandes notwendig sind, erzeugten die 2—5-jährigen Aufschwungs- und die ebensolangen Depressionsperioden. Die Gesellschaft er-hält in jedem solchen Cyklus eine neue materielle Wirtschaftsgrundlage; dazu gehörteine Arbeit von Jahren. Das Tempo der Periodicität im einzelnen wird von denErfindungen, der Weltmarktsausdehnung, der Kapitalansammlung, den politischen undwirtschaftlichen Neuerungen bestimmt werden und wechseln. Im ganzen sind die Epocheneher länger, die Krisen seltener geworden. Daß der Wechsel ganz aufhörte, können wiruns heute nur denken, wenn wir annehmen, es werde kein technischer Fortschritt, keineBevölkerungszunahme mehr stattfinden, der Weltmarkt habe seine letzte Ausbildung er-halten. Tann gäbe es aber auch keine erhebliche Entwickelung mehr.
Dabei wird man aber, wie schon erwähnt, nicht behaupten können, die Schwan-kungen und Krisen seien genau dieselben geblieben. Auf die große Verschiedenheit derälteren Stockungen und der neueren Krisen haben wir schon zu Eingang des Para-graphen hingewiesen. Seit 1650 bis heute sind die an den neueren Verkehrsmecha-nismus geknüpften Auf- und Niedergangsbewegungen aus mehr lokalen immer mehrnationale und weltwirtschaftliche geworden; aus der Stockung einzelner Gewerbewurden die vieler, ja der Mehrzahl der Produktionszweige. Mit der zunehmendenArbeitsteilung und Weltwirtschaft, mit der größeren Kompliziertheit der Zahlungs- undKreditorganisation trat eine raschere und weitere Ausbreitung der Storungsgesühle undder direkten wirtschaftlichen Störungsursachen ein. Andererseits wird man sagen können,daß die sich ausdehnenden Wellen weniger hoch waren, daß die Stöße sich zeitlich undörtlich viel mehr verteilten.
Die mit der Hausfe und der Krife sich zeigenden Mißbräuche, Schwindel, Agiotage,blinde Preistreiberei waren im 18. Jahrhundert größer als im 19.; das gewinnsüchtigeÜberspannen des Kredites war bis 186V viel schlimmer als seither; die Gründer-mißbräuche sind bis 1873 in Europa gewachsen, sie haben seither abgenommen.
Wenn die dunklen Seiten der ganzen Erscheinung zusammenhängen mit demVerblassen religiöser und sittlicher Gebundenheit der Völker und besonders bestimmterBerufskreise, wenn die Ausbildung eines schrankenlosen Erwerbstriebes, einer skrupellosenHabsucht die Krisen teilweise erst möglich gemacht und jedensalls sie in ihrer häßlichenSeite gesteigert hat, so werden wir begreifen, daß sie in den Ländern am stärkstenwaren, wo diese Wandlung sich am frühesten und intensivsten vollzogen hat. GewisseKolonialgebietc und junge Volkswirtschaften hatten mit ihrem Riesenwachstum undihrer Neuheit und Ungebundenhcit auch die stärksten und schwindelhaftesten Krisen.Man wird vielleicht annehmen können, daß von dieser psychisch-moralischen Umbildungaus im alten Europa da und dort noch Steigerungen möglich seien. Aber andererseitshaben auch starke Gegenbewegungen längst begonnen. Wir kommen gleich näher aussie. Jedenfalls haben die Socialisten, die nur die vampyrartige Kapitalistenhabsuchtkennen, so wenig Recht wie die banausischen Handelskammersekretäre und Gelehrtenbürgerlicher Art, welche so gerne der Socialethiker spotten und die immergleiche Gewinn-sucht in der Ausnützung jeder Konjunktur als ein unwandelbares Gesetz der Geschäfts-welt, der kapitalistischen Produktion bezeichnen. Als ob psychische Faktoren, die inrelativ engen Kreisen unter ganz bestimmten gesellschaftlichen und rechtlichen Voraus-setzungen seit zwei Jahrhunderten entstanden sind, unverrückbare Elemente wären. BeideArten von Schriftstellern zeigen nur ihr geringes Maß historifcher Kenntnisse.
Die Behauptung mancher Socialisten, die Krisen seien stets größer, zumal fürden Arbeitcrstand härter geworden, entbehrt der Begründung. Gewiß sind einige der