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2 (1904) Verkehr, Handel und Geldwesen : Wert und Preis ; Kapital und Arbeit ; Einkommen, Krisen, Klassenkämpfe, Handelspolitik ; Historische Gesamtentwickelung
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Die staatlichen Aoraussetzungcn der neueren Klassenkämpfc,

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Geben diese Bemerkungen auch kein einheitliches, so doch Wohl ein wahres Bildeiner der größten socialen Umbildungen. Sie zeigen, daß die unteren ländlichen Klassenvon 15001850, zu selbständiger Aktion noch ganz unfähig, überwiegend nur da sichhoben, wo die Regierungen ihre Pflicht thaten, daß die Klassenherrschaft in dieserEntwickelungsreihe keine ausschlaggebende, die Klassenkämpfe von unten her keine Rollespielten, daß die freie moderne wirtschaftliche Bewegung wohl vereinzelt nicht überall dieHebung förderte, auf gesunde fociale agrarische Verfassung und Bodenverteilung hinwirkte.

250. Die europäische Klassengeschichte im 19. Jahrhundert.Bourgeoisie, industrielle Arbeiter, Socialdemokratie, sonstigeKlassen. Die agrarische Klassengeschichte, die wir eben schilderten, gehört der Ver-sassungsepoche europäischer Geschichte an, welche sich durch den Niedergang der älterenständischen Verfassung, den Sieg des ausgeklärten Despotismus und des Beamtenstaates,die Anfänge der konstitutionellen Monarchie charakterisiert.

Die europäische Klassengeschichte der neuesten Zeit, hauptsächlich die des letztenhalben Jahrhunderts vollzieht sich in Ländern, die überwiegend die absolute Monarchiehinter sich haben, welche in Staat und Selbstverwaltungskörpern eine Vertretung desVolkes mitreden lassen, welche fast alle auf dem Boden der modernen Rechts- undSteuergleichheit, der modernen Vereins-, Versammlungs-, Preßfreiheit eine starke öffent-liche Meinung, ein erhebliches Parteileben ausgebildet haben. Auch so weit es sich umRepubliken handelt, existiert eine Staatsgewalt mit Ministern, Beamtentum, Heer,Polizei und Gerichtsgewalt, welche den alten Monarchien nachgebildet sind. In denmonarchischen Staaten ist teilweise, wie in England, Belgien, Norwegen, Italien diekönigliche Gewalt so in ihrem Einfluß beschränkt, daß sie sich von Republiken wenigmehr unterscheiden. In anderen Staaten, hauptsächlich in den deutschen und österreichisch-ungarischen, hat die erbliche Monarchie noch immer eine führende Stellung über denParlamenten und Parteien. So ziemlich überall aber stehen neben Parlament, fort-schrittlichen Parteien, öffentlicher Meinung die alten politisch-socialen Mächte, Kirche,Heer, ein Teil der alten Korporationen, und vor allem das Beamtentum, zumal da,wo es herkömmlich trotz Parteien und Parlament regiert, wie in Frankreich, in Deutsch-land, in Österreich, in Rußland .

Der Übergang von der absoluten zur konstitutionellen oder gar parlamentarischenMonarchie, von der absolutistischen Bevormundung der Provinzen, Kreise, Gemeindenzur neueren freien Selbstverwaltung ist in Nachahmung Englands mit wenigen Aus-nahmen in allen Kulturstaaten vollzogen worden. Der Liberalismus hatte dafür durchGenerationen gekämpft; die Ausschließung des Volkes von der Regierung hatte sichüberall als unhaltbar gezeigt; das alte Beamtentum war unfähig geworden allein zuregieren; die aufstrebenden Mittelklassen, das reich gewordene Unternehmertum hattestürmisch seinen Anteil am Staatslebcn gefordert. Wo man, wie in Österreich undPreußen , bis 1849 mit der Konzession einer Verfassung gezögert, hatte es sich unlieb-sam gerächt. Aber andererseits konnte es nicht fehlen, daß die große Veränderung desöffentlichen Lebens überall ähnliche Gefahren erzeugen mußte wie in England schon im18. Jahrhundert. Der steigende Einfluß der Gesellschaft auf Staats- und Gemeinde-verwaltung brachte Klasseneinflüsse, erzeugte Ansätze zur Klassenherrschaft, die der auf-geklärte Despotismus nicht gekannt, nicht geduldet hatte. Das echt liberale Bourgeois-ideal von der starken Gesellschaft und dem schwachen Staat bedeutete doch zunächst, daßdie Unternehmer den Staat nach ihrem Sinne regiert haben wollten, sür später, daßdie Arbeiter das Gleiche forderten.

In der ersten Zeit sreilich trat es da nicht schroff hervor, wo die alten monarchischenTraditionen vorhielten, wo die politischen Parteien mehr um ihre politischen Ver-fassungsideale als um praktische und wirtschaftliche Interessen stritten. In England blieben die alten Parteien der Whigs und Tories bis zur zweiten Parlamentsreformvon 1868 mehr zwei Adelsfaktionen, die beide oligarchisch um die Ministerstellenstritten. Auf dem Kontinent gruppierten sich die gesellschaftlichen Elemente, die sichum das politische Leben kümmerten, überwiegend nach den Stichwortenkonservativ und

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