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Viertes Buch. Die Entwickelung des volkswirtschaftlichen Lebens im ganzen. ^1012
lassen die Verelendungstheorie, die socialistische Krisentheorie, die Theorie von derwachsenden Kapitalanhäufung in den Händen Weniger mehr oder weniger fallen. Marx'dritter Band (1894) trug am meisten dazu bei, die Mehrwerttheorie als ein Gedanken-phantom zu offenbaren. Der energische Kampf um die politische Macht, d. h. zunächstum eine größere Stimmenzahl in Parlament und Gemeinde ist eigentlich an sich schonein Verzicht auf die Revolution, ein Übertritt auf den Rechtsboden des heutigen Staates.
Aber jeder solche Umbildungsprozeß kann nur ein sehr langsamer sein. Zunächstherrschen noch die ältern extremen leidenschaftlichen Führer und suchen die Massen fürRevolution und Vernichtung der bestehenden Gesellschaftsordnung zu entflammen, ob-wohl sie sehen, daß eine Straßcnrevolte nur der Reaktion dienen, Elend und Not unterden Arbeitern verbreiten würde, obwohl sie wissen, daß die Arbeiter heute unfähig wären,die Leitung der Produktion in die eigene Hand zu nehmen. Hier liegt die Gefahr derextrem radikalen Bewegung: es fragt sich, ob nicht auch einem Bebel und Singer raschdie Zügel entgleiten, auf noch radikalere Genossen übergehen würden. Katastrophenund blutige Kämpfe sind also gewiß nicht ganz ausgeschlossen, zumal wenn in der ent-scheidenden Stunde schwache Staatsmänner an der Spitze ständen. Aber solche Kata-strophen können ebenso gut vermieden werden, wenn man statt gewaltsamer Unterdrückungs-versuche fest den Frieden in der Gesellschaft aufrecht erhält und ohne äußere Einmischungin die socialdemokratische Partei die steigende wirtschaftliche, geistige und moralischeHebung des Arbeiterstandes fördert, den vernünftigen Politikern in der Partei den Siegüber die Demagogen erleichtert. Tann wird auch nach und nach der blinde Haß gegenalle anderen Klassen und alle Staatsautorität sich mildern; dann werden auch diefalschen politischen Ideale, die heute die Socialdemokratie noch beherrschen, sich soweitmodifizieren, daß die Arbeiter fähig werden, mit den anderen Klassen und der Regierungpraktisch zusammen zu wirken.
Die Politik und die Taktik nicht aller Arbeiter, aber der extrem radikalen, beruht,ähnlich wie das immer in der Geschichte der Fall war, auf der psychologischen That-sache, daß ihr Denken und Handeln mehr durch Gemütsaffekte als durch Verstand, mehrdurch Rationalismus als durch Weltkenntnis beherrscht wurde. Alle extrem radikalenParteien haben etwas jugendlich Knabenhaftes (Rohmer-Bluntschli). Sie halten sich fürdie „Guten", alle andern Parteien und Klassen für die „Schlechten",, wie einst auch Abtdie Partei der Liberalen für die einzig „gute" hielt; freilich hat auch Stahl die Kon-fervativen für die allein „auf die göttliche Ordnung" gestützte erklärt. Die Arbeitersind zunächst nicht recht fähig, die oberen Klassen, die Regierenden von innen heraus auchnur zu begreifen. In ihrer Verhetzung, in ihrer Hoffnung auf den Sieg des Proletariatskönnen sie nicht verstehen, daß jede Partei und jede Klasse, um ohne gewaltsamen Umsturzoder um überhaupt dauernd ihre Ziele zu erreicheu, sich auf bestimmte erreichbare Zweckebeschränken muß, während dieses beschränkten Kampfes alle anderen Gebiete und Ein-richtungen des Staats- und Gesellschastslebens gleichsam als eine Sphäre des Gottes-friedens betrachten muß. Die historische Wahrheit, daß jede höhere Kulturstufe aufeiner Mischung und Versöhnung heterogener Institute, z. B. demokratischer und aristo-kratischer, republikanischer und monarchischer, beruhe, ist ihnen noch verschlossen. Denganz berechtigten demokratischen Zng der Zeit übertreiben sie bis zur Karikatur, biszum Rückschritt um Jahrtausende. Darüber noch einige Worte.
Der demokratische Gleichheitsgedanke, wie ihn das Christentum schuf, wie die Auf-klärung des 18. Jährhunderts ihn dann abstrakt formulierte, brachte den meistenStaaten erst die Beseitigung des Stände- und Privilegicnstaates, die Rechts- undStcuergleichheit, die Teilnahme des Volkes an Regierung und Selbstverwaltung. Diebreite Ausdehnung des politischen Stimmrechtes für Staats- und Gemeindewahlen in Eng-land, Frankreich, Deutschland und anderwärts mag man an bestimmten Punkten für falschoder verfrüht halten, im Princip kann kein Geschichtskundigcr sie ganz verwerfen; siewar notwendig und heilsam, um uns vor Verschwörungen und Überraschungen zubewahren, um das ganze Volk politisch zu erziehen, von älteren Klafsenmißbräuchen zubefreien. Aber das erträgliche Maß dieser Tendenzen ist verschieden; es muß dem