Teil eines Werkes 
2 (1904) Verkehr, Handel und Geldwesen : Wert und Preis ; Kapital und Arbeit ; Einkommen, Krisen, Klassenkämpfe, Handelspolitik ; Historische Gesamtentwickelung
Entstehung
Seite
557
Einzelbild herunterladen
 

Die Möglichkeit einer Versöhnung von Monarchie und Arbeiterklasse.

557

sondern die leitenden Staatsmänner, die Volk und Parlament hinter sich haben, werdenin solcher Zeit das Steuer sühren. Vielleicht bekommt auch England nochmal den überden Parteien thronenden König, den schon Bolingbroke gegen die Sünden des be-stechlichen Whigregiments forderte. In den Vereinigten Staaten kann jeder ganzpopuläre und vollends jeder mehrmals gewählte Präsident so gut wie einst Jackson undLincoln als Diktator austreten.

Bei uns könnte die Socialdemokratie selbst nur durch einen Diktator regieren;Lassalle hatte noch groß von dem auf den Knaus des Schwertes gestützten preußischenKönigtum gedacht und seine Berliner Gemeinde beschworen, im letzten entscheidendenKamps zwischen Bourgeoisie und Königtum aus der Seite des letzteren zu stehen. Dasgroße Erbe der Hohenzollern ist noch nicht verbraucht. Noch weiß das Volk von denbauern- und bürgerfreundlichen Königen des 18. Jahrhunderts, von Friedrich Wilhelm I. ,der die altmärkischen Junker von Schulenburg, von Alvensleben und von Bismarck fürdie vornehmsten aber auch für die schlimmsten Vasallen erklärte, denen man denDaumen auf die Augen halten müsse, von dem alten Fritz, der ein neues Ideal desmonarchischen Fürstentums für ganz Europa aufstellte, das des ersten Dieners desStaates. Bismarck und Kaiser Wilhelm haben seine Politik erneuert und damit dieMonarchie auss neue befestigt. Die von Stein, Gneist, Treitschke und anderen aus-gestellte Lehre vom Berufe des socialen Königtums hat Wurzel geschlagen, trotz allerVerhöhnung durch die Socialisten. Auf der Tradition der Monarchie ruhen alle unseregroßen Institutionen, Verfassung, Heer, Beamtentum, Bauernschutz ic. Und wenn esneuerdings oft schien, als versagten die monarchischen und Beamtentraditionen sich derSocialresorm, als wären sie definitiv zu einem Bündnis mit Großgrundbesitz undGroßkapital entschlossen, so war dies Wohl mehr Folge einer konstitutionellen Rücksichtaus die Reichstags- und Landtagsmajorität als innere Überzeugung, sowie die Folgedavou, daß die Socialdemokratie bis jetzt sich den specifisch nationalen Forderungen,die im Machtintcrcsse des Staates und Reiches gestellt wurden, so gänzlich versagte.

Das kann anders werden, das schließt einen späteren Bund zwischen Monarchieund Arbeiterwelt in Deutschland nicht aus, so wenig er auch in allernächster Zeit sicheinstellen wird. Schon heute können wir sagen, die Monarchie nebst ihren Organenund die Arbeiterwelt stellten die lebendigsten politischen Kräfte in Deutschland dar,denen gegenüber die alten Parteien und die übrigen Klassen wohl die Majorität, aberauch die gesättigten trägeren Elemente des Staatslebens bilden. Und wer glaubt, daßdie stärksten Mächte in einem Staate sich behaupten, der wird nicht sehl greifen, wenner prophezeit: wie einst der Liberalismus mit der deutschen Beamten- und Militär-monarchie in der Stein-Hardenbergischen Zeit und 184850, 185962, 186775sich zu gemeinsamen Reformen zusammengefunden habe, so werde es einst der Socialis-mus. In der deutschen Volkswirtschaft der Zukunft würden dann erhebliche weitereUnlbildungen im Sinne der socialen Reform, im Interesse der Arbeiter Platz greifen;die Förderung einer ccntralistischen Leitung der ganzen Volkswirtschaft wird unsereBank- und Kartellaristokratie schon an sich betreiben und so die Staatsgewalt stärken.Die Socialdemokratie hätte auf ihre wirtschaftlichen und politischen Utopien verzichtet,wie auch die bürgerliche Demokratie in der Hauptsache auf die ihrigen verzichten mußte.Der Geist der Socialdemokratie wäre aber damit nicht untergegangen, er hätte alswesentliches Ferment bei der Umbildung mitgewirkt. Die Verschmelzung wäre nichtunbegreiflicher, als daß einstens die Proletarierlehre der Christen nach einer Ver-folgung durch einige Jahrhunderte sich zuletzt aus dem Throne der römischen Cäsarenniederließ.

Es würde sich damit nur das allgemeine historische Gesetz erfüllen, daß großeentgegengesetzte politische Kräfte innerhalb desselben Staates doch immer zuletzt denPunkt der Vereinigung und des Zusammenwirkens finden. Es würde ein Wort KaiserWilhelms II. aus dem Anfang seiner Regierung wahr, daß der preußische Staat, weiler die festeste monarchische Verfassung und Verwaltung habe, auch sähig sei, die socialeResorm am kühnsten in die Hand zu nehmen.