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Viertes Buch. Tie Entwickelung des volkswirtschaftlichen Lebens im ganzen. ^1014
der Führer täglich; nirgends ist der Autoritätsglaube mehr Bedürfnis als hier; esbildet sich bereits ein Heiligenkultus für die verstorbenen Führer aus. Aber es handeltsich bei dieser Umbildung um einen langsamen Prozeß; es handelt sich noch mehr umeiuen politischen Erziehungsprozeß, den man durch möglichste Heranziehung der Arbeiterzur Selbstverwaltung fördern, nicht durch ihre falsche Ausschließung erschweren sollte.
Es handelt sich im heutigen Staate darum, die Arbeiter in jeder Beziehunggerecht, billig, sachlich zu behandeln, ihnen nicht das Opfer ihres Glaubens, den Verratan ihren Führern, den Verzicht auf ihre jetzigen Rechte zuzumuten; bei aller Provo-kation, bei allen einzelnen rohen oder ungebührlichen Exzessen, wie sie bei dem Bildungs-niveau der unteren Klassen vorkommen müssen, ruhig zu bleiben, sich weder in Angstnoch in Leidenschaft versetzen zu lassen. Es handelt sich vor allem darum, alle Be-hörden und Gerichte anzuweisen, nicht — was so leicht unbewußt geschieht — Parteisür die Unternehmer und Besitzenden zu ergreifen. Ein Menfchenalter solcher Verwaltunglöst sicher einen großen Teil der socialen Frage.
Dann aber handelt es sich natürlich in den großen Fragen der politischen Ver-sassung und der wirtschaftlichen Organisation darum, die richtige Mitte zwischen den Kon-zessionen, die man den Arbeitern macht, und der energischen Verteidigung des bestehendenEigentums, der bestehenden Staatsverfassung, des Einflusses, den höhere Bildung,große staatliche Traditionen haben müssen, der Machtorganisation, auf dem das DeutscheReich beruht, innezuhalten. Gelingt diese Mitte, so ist in Deutschland leichter als in jedemanderen Lande ohne Revolution durch langsam maßvollen Gang der Reform das Ziel derVersöhnung zu erreichen. In Westeuropa und den Vereinigten Staaten hat die Staats-regierung geringere Macht, resp, sie hat eine genügende nur durch Annäherung andie Diktatur eines populären Staatsmannes, eines Präsidenten. In Ost- und Süd-europa steht die Arbeiterschaft noch viel tiefer; hier sind die Pläne noch viel utopischer,hier glaubt die Masse noch mehr an Putsche und Revolutionen; hier kommen nochheute die anarchischen Mordthaten vor; die Erhebungen werden hier leichter nieder-geschlagen werden, ohne zn Reformen zu führen.
Auch in Deutschland wird es, wie gesagt, wahrscheinlich noch ernste Kämpfe kosten;aber es wird nicht unmöglich sein, sie auf dem Boden des Rechtes festzuhalten, sie nicht inUmsturz und Pöbelherrschaft enden zu lassen. Es wird endlich auch der Socialdemokratiedämmern, daß sie als politische Partei nur ein Teil des Ganzen, nicht das Ganze sei,daß sie mit Tcilersolgen zufrieden sein muß, daß ihr gerade in Deutschland noch großeund starke Gewalten entgegenstehen. Sie wird lernen müssen, einzusehen, daß imhistorischen Leben jede Bewegung wie die ihrige nach einem Höhepunkt wieder abwärtsgeht, daß sie wie einst der Liberalismus froh sein muß, mit der starken Monarchieund den bestehenden konservativen Mächten im Staate zu paktieren. Die liberalePartei war 18W—1875 die Kraft, welche das Neue, die Bewegung vertrat, vielfachim Bunde mit den Regierungen; dann ist der eine Teil konservativ geworden, derandere ist zur neuen Bewegungspartei, zur socialistischen übergegangen. Dauernd er-reichen kann diese nur etwas in Deutschland , wenn sie Krone, Beamtentum, einen Teilder Gebildeten sür sich hat. Dazu muß sie ihre Forderungen herabstimmen.
Um so mehr, als allgemein konservative, centralistische , die Staatsgewalt förderndeStrömungen überhaupt näher rücken und wahrscheinlich die nächste Generation beherrschenwerden. Das ist schon zu erwarten nach dem, was Wundt das Gesetz der Kontrastenennt, was Ranke so oft über den Wechsel der historisch vorherrschenden Gcistesrichtungengesagt hat. Es ist auch nach konkreten Thatsachen zu erwarten. Die internationalenSpannungen wachsen und machen starke feste Führung des Staates noch nötiger alsdie inneren Spannungen. Wir haben schon betont, daß auch in den Ländern derDemokratisierung der Kultus der großen Männer wächst. Imperialistische Politik, wiejetzt die Vereinigten Staaten und Großbritannien sie treiben wollen, bedürfen derMänner mit cäsarischem Stil, wie es Disraeli war, Chambcrlain sein will. AuchRoseberrh und Sidney Webb schwenken jetzt in das Lager eines liberal socialistischenImperialismus ein. Nicht die Parlamente, nicht die Parteien und die Majoritäten,