Teil eines Werkes 
2 (1904) Verkehr, Handel und Geldwesen : Wert und Preis ; Kapital und Arbeit ; Einkommen, Krisen, Klassenkämpfe, Handelspolitik ; Historische Gesamtentwickelung
Entstehung
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629 Viertes Buch. Die Entwickelung des volkswirtschaftlichen Lebens im ganzen. ^1078

Von 1872 die an Brasilien aus. Die im Frankfurter Friedensvertrag von 1871 ver-abredete ewige Meistbegünstigung zwischen Frankreich und Deutschland bezieht sich nurauf die künftigen Konzessionen, die beide Staaten sechs der wichtigsten europäischenStaaten machen; neuerdings werden die Zollvereinsbildungen als von der Meist-begünstigungsklausel nicht erreichbar bezeichnet.

Seit der neuen schutzzöllnerischen Strömung (von 1875 an) hat sich ein gewissessteigendes Mißtrauen gegen die Meistbegünstigungsverträge ausgebildet, das fürmancherlei Fälle nicht ohne Berechtigung ist. Wo zwei Staaten sich formell die Meist-begünstigung zugesichert haben, wovon der eine hohe, ja extreme Schutzzölle beibehält,der andere seine Zölle nach und nach ermäßigt, muß sich der letztere übervorteilt fühlen.Ebenso ist klar, daß die europäische Gewohnheit und Formulierung der Meistbegünstigungvon der amerikanischen, welche iür jede künftige Konzession Gegenleistungen fordert, soweit abweicht, daß Verträge auf dieser verschiedenen Basis nur schwer möglich sindund, wenn trotzdem ohne genaue Bestimmungen über das abweichende Princip geschlossen,nur zu Hader und Streit führen müssen. Wir kommen unten (S. 652) darauf zurück.

2. Wir fahen oben, daß die verwaltungsrechtliche Unfähigkeit des Merkantil-systems wesentlich zu seinem Sturze beigetragen hat: die Korruption, der Schmuggel,die Unbehülflichkeit der Tarife, die überwiegend nach dem Wert normierten, zu falschenDeklarationen führenden Zölle, die Unvollkommenheit der Kontrollen, die Bestechlichkeitder Behörden, all' das war bis Ende des 18. Jahrhunderts maßlos. Die zolltechnischenReformen Pitts, das französische Zollgesetz von 1791, das preußische von 1818 sinddie entscheidenden Wendepunkte zu einer besseren Zollverwaltung, zu geordneten über-sichtlichen Tarifen, zum Siege der Gewichts- über die Wertzölle, zur Beseitigung desmaßlosen Schmuggels, zur Herstellung unbestechlicher Beamten, zur freien Bewegungder Waren innerhalb der Staaten. Das einzelne dieser Fortschritte ist hier so wenigdarzustellen wie die heute noch vorhandene Rückständigkeit mancher Staaten in diesenPunkten, oder die neueren Rücksälle in übermäßig komplizierte Tarife, in Wertzölle u. s. w.Zu betonen ist nur, daß die meisten und erheblichsten dieser Fortschritte mit dem freienHandel von 17831875 zusammenhingen, aber auch unter der Rückkehr zu Schutzzöllenseither im ganzen erhalten blieben.

3. Was war nun der wirtschaftliche Gesamteffekt dieser ganz außer-ordentlichen Veränderungen in der internationalen Ordnung des Handels, wie sie ver-einzelt schon früher, allgemein von 18401880 eintrat? Doch wohl, daß die örtlicheTeilung der Arbeit, die bisher auf enge Grenzen und auf gewisse Gegenden undgewisse Waren beschränkt war, nun ganz andere Ausdehnung annahm; daß damit dieGroßindustrie, der Massenverkehr, die Geldwirtschaft, die Konkurrenz viel stärker zunahmenals in früheren Zeiten. Alle wirtschaftliche Produktion specialisierte sich mehr, paßtesich den natürlichen und socialen Vorzügen der Gebiete und Länder mehr an; die Ge-samtproduktion, die Bevölkerung, der Konsum konnte steigen wie früher lange nicht.Die ganze wirtschaftliche Physiognomie der Gegenden, der Provinzen, der Staatendifferenzierte sich mehr. Jetzt erst entstanden Industriestaaten, die nicht bloß einigewenige, sondern 30, ja 70 "/o ihrer Lebensmittel aus der Fremde bezogen, Agrarstaaten,die einen großen Teil ihrer Ernte ausführten; die Überlegenheit der reichen Gegendenüber die ärmeren mußte wachsen; vielfach nahmen aber auch die ärmeren so weit zu,als ihre Natur und der Verkehr ihnen jetzt gewisse vorher begrenzte Erwerbsmöglich-keiten erleichterte und vermehrte.

Dagegen ist es nun natürlich eine große Übertreibung, wenn die Fanatiker desFreihandels jedes Steigen des Konsums, der Bevölkerung, des Wohlstandes allein aufden internationalen Freihandel zurückführen. Er hat nur im Verein mit den technischenVerkehrsfortschritten und der Frachtenverbilligung so gewirkt. Eine Hauptursache derBlüte der Landwirrschaft von 13401870 in vielen Ländern war der Chaussee- undEisenbahnbau. Und von den interlvkalen Fortschritten der Arbeitsteilung und ihrerProduktivitätssteigerung fällt wohl ein gleicher, wahrscheinlich ein größerer und dernatürlichste, sicherste Teil nicht auf das Fallen der internationalen, sondern der bis-