Teil eines Werkes 
2 (1904) Verkehr, Handel und Geldwesen : Wert und Preis ; Kapital und Arbeit ; Einkommen, Krisen, Klassenkämpfe, Handelspolitik ; Historische Gesamtentwickelung
Entstehung
Seite
638
Einzelbild herunterladen
 

638 Viertes Buch. Die Entwickelung des volkswirtschaftlichen Lebens im ganzen- ^1096

gegenüber allen anderen Schutzzollstaaten wechselseitig bevorzugen sollen, daß so dieVerkehrsfreiheit der Kolonien mit deni Mutterland ein großes einheitliches Zollsystemschaffe. Aber die freihändlerische Hochflut schwemmte diese national-egoistischen Vor-behalte weg. Kanada (1840), Australien (von 1842 an), Kapstaat (1870) erhieltenparlamentarische Regierungen und das Recht freier Zollgesetzgebung auch gegen dasMutterland; nur Differentialzölle wurden ihnen verboten und das Recht, Handelsverträgezu schließen, dem Mutterland vorbehalten. Der Zug nach Selbständigkeit wurde dadurchverstärkt, daß die kanadischen Staaten 1867, die australischen und südafrikanischenneuerdings zu Bundesverfassungen und Zollvereinen sich zusammenschlössen. Das niemalsganz sreihändlerische Kanada erhöhte seine Finanzzölle 1853 von 15°/o auf 2025und ging 1879 zu einem Schutztarif von 3035°/o, 18841887 zu noch höherenZöllen über. Von den australischen Staaten blieben einzelne, auf Agrarexport aus-schließlich angewiesen, bis in die neuere Zeit freihändlerisch; andere, hauptsächlich Victoria,gingen 18781900 zu starken Schutztarifen über, 1895 freilich wurden die Schutz-zölle in Victoria ermäßigt, 1896 die Schutzzollpartei in Kanada gestürzt. Der neueaustralische Loiumon vssltn hat einen Kompromißtarif angenommen, in dem aber, wiees scheint, Victoria den Ausschlag gab. Im Kapstaat wurden die Finanzzölle haupt-sächlich 18721834 auch so erhöht, daß sie als Schutzzölle wirkten. England sah all'dies mit Widerstreben, suchte sich durch Beseitigung der Zölle auf Baumwollgarne undGewebe in der Kronkolonie Indien 18731882 zu entschädigen. Aber es konnte dieSchutzzollbewegung im ganzen nicht hindern; einzelne differentielle Begünstigungenhatten die Kolonien auch dem Mutterland trotz entgegenstehenden Rechtes direktoder versteckt vorbehalten. So lange der liberale Glaube vorhielt, die Kolonien müßteneinstens selbständige Staaten werden, war es ja auch natürlich, daß jede eine Industriesich erziehen, anch darin selbständig werden wollte. Die englischen Freihändler hofftenimmer wieder auf die baldige Bekehrung der Kolonien zum Freihandel. Der weiterblickende Disraeli hatte freilich schon 1865 im Unterhaus gerusen, man habe sich zuüberlegen, ob England bereit sei, auf feine Kolonien zu verzichten oder die Verbindungmit ihnen, selbst mit großen Kosten zu unterhalten; scheue man die Kosten, so gingennicht bloß die Kolonien verloren, sondern drohe die Invasion in England selbst.

Die Annexionsgesahr, die von den Vereinigten Staaten für Kanada und Britisch-Westindien droht, hatte 18611865 ganz England Partei für die südstaatlichen Rebellenergreifen lassen. Als die Union erhalten blieb und nun immer weiter emporkam, als18601900 außer der amerikanischen die kontinentale Industrie sich gewaltig ent-wickelte, als zuerst vorübergehend 1868 und 18731878 der englische Export stockte,dann aber dauernd 18301903 seine Zunahme immer schwächer wurde, da trat langsamaber unwiderstehlich der Umschwung ein. Der Cobdenklub verlor seine Herrschast überdie Ziele der Regierung zuerst während der Ministerien Disraelis 18741879 und18851892, dann unter Salisbury und Chamberlain von 1895 an noch mehr.

Schon 1868 hatte die Geschästsstockung die Gesellschaft der Rsvivsrs ok traäs,welche Reciprocität im internationalen Zollwesen forderte, erzeugt; 18741881 kamdas Schlagwort des ?s.ir traäs aus; die hiefür gegründete Liga forderte jährlich künd-bare Handelsverträge, Nichteinbeziehung der Kolonien in die Meistbegünstigung, Ein-suhrzölle gegen Schutzzollländer, hauptsächlich Verzollung ihrer nach England geführtenNahrungsmittel, freie Einfuhr von Getreide u. s. w. aus den Kolonien. Der Nieder-gang der englischen Landwirtschaft trat erst von den achtziger Jahren an ein; vomkonsumierten Weizen gehörten schon 1890 67°/o, vom Fleisch 33°/o dem Import an;daß darin eine gewisse Gefahr liege, konnten ernste Politiker nicht verkennen. Parkinsagte: keine andere Nation der Geschichte hat unter solchen künstlichen Bedingungengelebt, wie das England von heute. Gegenüber dem allgemeinen Schutzzollparoxismusvon 18371892 zeigte sich die volle Hülslosigkeit der bisherigen englischen Handels-politik. Man half sich nur mit Palliativmittelchen, suchte ab und zu fremdes Viehdurch die Veterinärsperre abzuhalten, verbesserte die Veterinärgesetze 1373, 13841892,versuchte die unbequeme deutsche Jndustriekonkurrenz etwas, aber ganz vergeblich durch