Teil eines Werkes 
2 (1904) Verkehr, Handel und Geldwesen : Wert und Preis ; Kapital und Arbeit ; Einkommen, Krisen, Klassenkämpfe, Handelspolitik ; Historische Gesamtentwickelung
Entstehung
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Der wissenschaftliche Fortschritt in der Bilanztheorie u. s. w.

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paar Worten noch zu besprechen die Art, wie wir jetzt über die Theorie der so-genannten Handelsbilanz ausgeklärt sind (vergl, oben S. 604).

Hume und A. Smith hatten das Ziel der alten Merkantilpolitik, eine günstigeBilanz, d. h. eine größere Geldmenge für das Inland durch das Verhältnis derWarenein- zur Warenausfuhr zu erzielen, für gänzlich wertlos und falsch erklärt. JedesLand bekomme von selbst und jederzeit die nötige Menge Edelmetall und Geld. Fließemal zu viel Geld ins Ausland ab, so werde alles billig; das Sinken der Preise ver-mehre die Aussuhr entsprechend; komme zu viel Geld ins Land, so würden die Preisezu hoch, die Ausfuhr nehme dann entsprechend ab. Eine gewisse Tendenz zu derartigenVorgängen ist gewiß unter normalen Verhältnissen vorhanden; aber wie schnell solcheSelbstkorrektur eintrete, welche und wie viele Umstände diese Folgerungen hemmenkönnen, das ist die entscheidende Frage. Die neueren Verteidiger solch automatischerRegulierung der Bilanz betonen jetzt auch mehr als die Preisveränderung die Wirkungder Wechselkurse, der richtigen Bankdiskontpolitik (s. oben S. 84 und 223), welche stetsoder in der Regel übermäßiges Geldabfließen hemme, zu starkes Einströmen hindere.Daran anschließend behaupten aber die heutigen Nachfolger Humes (z. B. Petritsch)immer noch, wie einst Hume ,passive wie aktive Bilanz sei stets nur ein momentaner,vorübergehender, niemals ein dauernder Zustand", er brauche also auch nie durch dieHandelspolitik beeinflußt zu werden. Wir werden gleich sehen, daß diese Annahme fürgewisse Fälle Wohl richtig ist, daß deshalb aber doch nicht jede aktive eingreifendeHandelspolitik überflüssig ist.

Die neueren Untersuchungen über die thatsächliche Handelsbilanz auf Grund derAus- und Einfuhrstatistik über Waren und Edelmetall haben uns zunächst gezeigt,1. daß ihre Zahlen zwar den größeren Teil, aber entfernt nicht die ganze Summeder gegenseitigen Zahlungsvorgängc umfassen, weshalb man heute die Ergebnisse derWarenstatistik als Handelsbilanz, die Gesamtheit aller gegenseitigen Zahlungenund ihre Vergleichung als Zahlungsbilanz bezeichnet; 2. daß die Abwickelunggroßer Zahlungsverbindlichkeiten sich oft über Jahre hin erstreckt, die Statistik einesJahres also häufig durch die der folgenden thatsächlich korrigiert wird; 3. daß unsereWarenwertstatistik in der Regel, .wie schon erwähnt, die Ausfuhr unvollständig undaußerdem deshalb gegen die Einfuhr zu niedrig enthält, weil die Einfuhr einschließlichder Frachtkosten, die Aussuhr ohne diese angeschrieben wird; 4. kommen neben demWarenverkehr folgende Wertübertragungen und Zahlungen in Betracht: a) die teilweisenach vielen Millionen zählenden Zinsen, die von den Schuldner- nach den Gläubiger-staaten gehen; sie werden teilweise in Warenform bezahlt und erscheinen dann in derWarcnstatistik; sie können aber auch in Effekten Übermacht werden und so die Ver-schuldung vermehren, t>) die Rcedereiverdienste, welche einheimische Schiffe im Aus-lande verdienen, e) die großen Beträge, die durch die Post, den Reiseverkehr, Effekten-sendungen, Aus- und Einwanderungen, Erbschaften u. s. w. hin und her gehen. Durchsolche Zahlungen kann jede Warenbilanz um Dutzende, ja Hunderte von Millionen ver-ändert werden; erst diese Posten (soweit sie nicht in der Warenbilanz stehen) unterHinzurechnung einer nicht falschen, sondern richtigen Warenbilanz würden die thatsächlicheZahlungsbilanz ergeben, die man aber von keinem einzigen Lande genau kennt.

Darnach ist es richtig, wenn die Wissenschaft heute überall den Warenbilanz-zahlen besonders den sogenannten ungünstigen Bilanzen sehr kritisch gegenübersteht. Es istrichtig, daß die meisten reichen Staaten heute dauernd eine sogenannte ungünstigeBilanz haben und ohne Schaden ertragen, weil sie als Gläubigerstaaten ost 100, 500und mehr Mill. Mk. Mehreinsuhr allein durch ihre auswärtigen Zinsen haben. Esist auch nicht zu leugnen, daß die reicheren Staaten mit gutem Geldwesen und guterKreditorganisation und Kreditverbindung nach dem Auslande zeitweise Bilanzver-schlechterungen und Edelmetallausfuhren infolge von Kriegen, Ernteausfällen und ähn-lichen Ursachen meist ohne jeden Schaden ertragen und in wenigen Monaten oderJahren durch die Wechselkursänderungen, Kreditoperationen und die Diskontpolitik wiederkorrigieren. Aber daneben bleibt die Thatsache, daß eine derartige Selbstkorrektur den