Viertes Buch. Die Elitwickelung des volkswirtschaftlichen Lebens im ganzen. s1108
armen verschuldeten Staaten, auch solchen ohne begehrte Exportwaren, solchen mitdrohender Papiergeldwirtschaft nicht immer gelingt. Haben sie dauernd eine schlechteBilanz, d. h. zu geringe Warenausfuhr, so können sie ihren Edelmetallschatz, ihr Bar-geld verlieren, können genötigt sein, ihre Staatsschuldtitel und andere Effekten zu um-fangreich zu exportieren. In solchen Fällen kann, abgesehen von anderen Gründen, diesür eine Schutzzollpolitik sprechen, die Erschwerung der Einfuhr aus finanz-, kredit-und geldpolitischen Ursachen angezeigt sein. Und man wird die Maßnahmen solcherStaaten, durch welche sie die Aussuhr steigern, die Einfuhr hemmen, nicht von demoptimistischen Standpunkt Humes verurteilen dürfen.
3. In der Erkenntnis der Ursachen der Handelspolitik der einzelnen Staaten undEpochen haben wir den großen Fortschritt gemacht, daß wir ziemlich klar zwei Urfachcn-reihen unterscheiden. Die erste besteht für jedes Land und jede Zeit in den wirtschaft-lichen Zuständen, Bedürfnissen, Produktionsmitteln, vorhandenen Handelszweigen und inder bestehenden natürlichen Entwickelungstendenz; damit sind gewisse wirtschaftliche Not-wendigkeiten gegeben, die hier mehr auf Schutzzoll, dort mehr auf Freihandel hinweisen.Aber diese Realitäten können klar oder unvollkommen erkannt werden; außerdem giebtes verschiedene Wege und Grade, fei es des Freihandels, sei es des Schutzzolles, diemöglich sind. Und ob nun der richtige Weg und in richtigem Maße ergriffen wird, dashängt von der Regierung, der Versassung, dem Einflüsse bestimmter Klassen, der öffent-lichen Meinung, der Kraft der Wissenschaft, den notwendigen Rücksichten auf auswärtigePolitik und Ähnlichem ab. Wir werden nicht zu viel behaupten, wenn wir sagen, reinwirtschaftlich sei in der bestimmten Art der Ausführung weder die deutsche Handels-politik von 1815—1840, noch die von 1879, noch die von 1891 — 1894 absolut nötiggewesen; und Ähnliches gilt von der englischen Handelspolitik von 1783—1789, von1815-1840, von 1822—1860, von der französischen, russischen, nordamerikanischen inallen ihren wichtigeren Wendungen. Stets waren bestimmte Staatsmänner, Theorien,Parteien, Klasseneinflüsse ausschlaggebend sür das Maß und für die Detailausführung.Wir werden fagcn können, im 18. Jahrhundert habe öfter die mangelnde Informationund Fähigkeit der Regierungen, im 19. hätten mehr die parlamentarischen Einflüsse,die koalierten Klasseninteressen, neuerdings das Gewicht der Kartelle und Trusts gewisse,im Principe Wohl angezeigte Mittel der Handelspolitik übertrieben, falsch, ja zeitweisemaßlos angewandt. Aber immer läßt sich ein Fortschritt nicht verkennen. Er liegtin dem Anwachsen einer unparteiischen öffentlichen Meinung, soweit nämlich die Pressenicht eine erkaufte ist, in dem Bestehen fester Regierungen, die sich nicht von Klassen-und Parlamentsmajoritäten zu sehr schieben lassen, in der wachsenden wissenschaftlichenErkenntnis und ihrem Einfluß auf immer weitere Kreise.
Damit schränken sich auch nach und nach die falschen übertriebenen Vorstellungenein, die Schutzzöllner wie Freihändler, besonders aber die ersteren über die direkte Wirk-samkeit handelspolitischer Maßregeln, je weiter wir zeitlich zurückgehen, hatten. Wirwissen heute mehr nnd mehr, daß das wirtschaftliche Leben jedes Volkes und der Ver-kehr der Völker untereinander auf gewissen großen elementaren Thatsachen (Boden,Bevölkerung, Kapital, Stand der Technik, der Bedürfnisse, der Zahlungssähigkeit) ruhen,nnd daß daran Wohl Schutzzölle, Prämien, Schiffahrtsgcsetze oder wieder freihändlerischeMaßnahmen nach und nach manches, aber :asch nie sehr viel und vieles überhauptnicht ändern können. Und wir wissen heute auch, daß sast jede geplante handels-politische Wirkung durch neue, vorher unbekannte oder nicht in ihrer Größe meßbareUrsachen beschränkt, ja aufgehoben werden kann. Ein Schutzzoll soll fremde billigereKonkurrenz abhalten, die betreffende Ware im Jnlandc verteuern, dadurch hier größerenGewinn und Ausdehnung der Produktion erzeugen. Von allen diesen Folgen kannjede ausbleiben; die sremde Konkurrenz kann, genötigt, um jeden Preis Absatz zu suchen,gleich stark wie bisher auftreten; auch wenn sie sich vermindert, der Preis steigt, hängtdie Ausdehnung der inneren Produktion noch von vielen anderen Ursachen mit ab.
Jede Veränderung der handelspolitischen Mittel (Zölle u. f. w.) hat die Absicht,die Verteilung der nationalen Wirtschaftskräfte zu ändern, Kapital und Arbeit in andere