Teil eines Werkes 
2 (1904) Verkehr, Handel und Geldwesen : Wert und Preis ; Kapital und Arbeit ; Einkommen, Krisen, Klassenkämpfe, Handelspolitik ; Historische Gesamtentwickelung
Entstehung
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Spezielle und allgemeine Ursachen des wirtschaftlichen Fortschrittes.

272. Das Wesen des volkswirtschaftlichen Fortschrittes. Die dreivorstehenden Kapitel unseres vierten Buches über Krisen, Klassenkämpfe und Handels-politik haben einen solchen Umfang erreicht, daß wir uns in dem vierten, welches diewirtschaftliche Gesamtentwickelung, den wirtschaftlichen Fortschritt, den Stusengang diesesProzesses behandeln soll, kurz fassen müssen. Wir betonten schon (II, 465), daß wiruns bei diesen letzten Fragen unserer Wissenschaft am wenigsten aus einem gesichertenBoden befinden. Wir dürfen ihnen aber deshalb doch nicht ausweichen.

Schon die Fragen, ob alles wirtschaftliche Leben der Menschheit eine Einheitbilde, einen einheitlichen Entwickclungsprozeß darstelle, einen Fortschritt zeige, könnenwir nicht mit empirischen Beweisen bejahen. Lange hat die denkende Menschheit denFortschritt geleugnet, auch heute noch wird er bezweifelt, wenigstens nach manchenRichtungen hin. Zu einer bewußten Einheit ist das Wirtschaftsleben aller Völker undStämme erst teilweise gekommen. Aber die Wissenschaft der Gegenwart und der Glaubeder gebildeten Völker nimmt heute überwiegend den Fortschritt und die Einheit dermenschheitlichen Entwickelung an. Wir gehen davon aus. Wir haben uns in unsermganzen Werke auf den entwickelungsgeschichtlichen Standpunkt gestellt; wir fragen alsojetzt, worin besteht der wirtschaftliche Fortschritt, wie haben wir uns den einheitlichenwirtschaftlichen Entwickelungsgang der Menschheit, das Aufsteigen und den Niedergangder einzelnen Völker und ihres Wirtschaftslebens zu denken.

Der wirtschaftliche Fortschritt, rein für sich genommen, besteht darin, daß dieMenschen die äußeren materiellen Mittel für ihre Existenz besser und sicherer beschaffenlernten, daß ihre Arbeit produktiver, ihre gesammelten Wirtschaftsmittel und -Vorrätegrößer, ihre Konsumtion reichlicher wurde. Niemand leugnet heute mehr, daß einFortschritt derart bestehe. Aber schon die Frage, wie er gekommen sei, ist strittig. Dieeinen wollen die Frage auf rein wirtschaftlichem Boden beantworten, die anderen glauben,dazu sich auf eine breitere gesellschaftliche, staatliche, geistig-sittliche Grundlage stellenzu müssen.

Bleiben wir, von den Zusammenhängen des gesellschaftlichen Lebens abstrahierend,zunächst auf dem ersteren Standpunkt, so können wir natürlich von den wirtschaftlichenBedürfnissen und Trieben ausgehen, versuchen, sie und ihre Ausbildung rein wirtschaftlichzu erklären. Wir können daraus die wirtschaftliche Thätigkeit, die Arbeit ableiten,ihre Ausbildung durch die Technik, durch das Zusammenwirken mehrerer und dieArbeitsteilung verfolgen. Wir können daraus die zunehmende Produktion und Kapital-bildung wie die zunehmende Menschcnzahl entstehen lassen; wir können versuchen, zuberechnen, wie hiedurch die Produktivität der Arbeit gestiegen sei; wir können im An-schluß an die Mehrproduktion der einzelnen den Tausch- und Marktverkehr, die Wert-und Preisbildung erklären; wir können so versuchen, alle höhere volkswirtschaftlicheEntwickelung aus wenigen wirtschaftspsychologischen Prämissen, aus der Technik, derzunehmenden Menschenzahl und Kapitalmenge abzuleiten. Aber wir bewegen uns dabei,' obwohl wir so die äußeren Momente des Prozesses erfassen, doch in einer Summe vonAbstraktionen, aus denen die letzten Elemente der Kausalität herausgenommen sind.

Wollen wir z. B. die Bedürfnisse und ihre Steigerung erklären, so kommen wirnicht voran, wenn wir uns vorstellen, der Mensch habe successiv mehr essen, mehr Wohn-räume haben wollen; das wollte er nie, sondern er wollte in der Gesellschaft glänzen;sein ästhetisches Gesühl entwickelte sich; er bekam durch die Gesellschaft die höheren Ge-fühle und die höheren Bedürfnisse; darum mußte er sich mit dem immer größeren Kultur-gepäck belasten. Wenn wir die wirtschaftlichen Triebe erklären wollen, so entsteht derErwerbstrieb erst in einem späteren Stadium der wirtschaftlichen Kultur, nachdem dieMenschheit Jahrtausende ohne ihn in Stamm, Geschlecht und Familie gewirtschastet hatte.Die Arbeitsthätigkeit ist die Folge einer gesellschaftlichen Schulung von Jahrtausenden.Das Hauptgeheimnis alles wirtschaftlichen Fortschrittes liegt im Zusammenwirkenmehrerer; die älteste Kooperation, später die Arbeitsteilung, die Entstehung der Betriebs-formen, die sociale Klassenbildung, die staatliche Wirtschaft, sie sind nie bloß wirtschastlich,sondern nur aus dem gesamten Seelen- und Gesellschaftsleben, aus allen natürlichen