Teil eines Werkes 
2 (1904) Verkehr, Handel und Geldwesen : Wert und Preis ; Kapital und Arbeit ; Einkommen, Krisen, Klassenkämpfe, Handelspolitik ; Historische Gesamtentwickelung
Entstehung
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654 Viertes Buch. Die Entwickelung des volkswirtschaftlichen Lebens im ganzen. ^1112

und geistig-moralischen Ursachen desselben zu erklären. Sie sind das Ergebnis vonSprache und Gemeinschaftsgefühlen, von Bluts- und Geschlechtszusammenhängen. Auchdie höhere Technik ist nur verständlich im Zusammenhang der Ausbildung unseresganzen Geisteslebens. Die wirtschaftlichen Tugenden sind nicht rein wirtschaftlich,sondern nur in Verbindung mit dem Wefen und Begriff der Tugend überhaupt er-klärbar. Alle großen socialen Gemeinschaften sind ein Ergebnis der menschlichen Naturüberhaupt, beruhen auf Sprache und Schrift, auf Sitte., Recht, Moral, Religion,Verkehr.

Geldwesen, Handel, größere Betriebe entstehen mit der Thätigkeit für den Markt,aus dem Markt spielen wirtschaftliche Größenverhältnisse eine Hauptrolle: aber derMarkt entsteht nur als socialrechtliche Einrichtung, und alle Marktvorgänge bewegen sichin gesellschaftlichen sittlich-rechtlichen Ordnungen, und diese wirken auch auf Angebot undNachfrage maßgebend zurück. Kurz, wir kommen überall zu dem Satze, daß der volks-wirtschaftliche Entwickelungsprozeß mit den Kategoriensteigende Bedürfnisse, technischerFortschritt, dichtere Bevölkerung, Mehrproduktion" nur von außen gesaßt sei', daß wirdas Wesen desselben besser treffen, wenn wir sagen: er beruhe auf der Entwickelungdes Menschen überhaupt und zwar speciell aus der Entwickelung nach der Seite größererwirtschaftlicher Fähigkeiten und Tugenden und der Herstellung größerer und kom-plizierterer, immer besser eingerichteter socialer Wirtschaftsorgane und -gemeinschaften.Die Geschichte dieser Zusammenhänge erklärt es in erster Linie, daß aus armen tier-artigen, isolierten Mcnfchcnhorden endlich reiche Millionenvölker wurden, die heutemit ihrem Verkehr den Erdball umspannen. Die Art, wie aus den ehemaligen natür-lichen Gruppen weniger zusammenlebender Menschen Gemeinden und Staaten, Klassenund Korporationen, Betriebe und Unternehmungen als wirtschaftliche Organe sichbildeten, wie durch Sitte, Recht, Moral und Religion die Stämme, die Stadt- undVolkswirtschaften als wirtschaftliche Körper entstanden, geordnet wurden, wie in diesocialen und Marktkämpfe immer mehr sociale Ideale, Vorstellungen von Gerechtigkeitund Solidarität eindringen, das ist das eigentlich zu erklärende Rätsel.

Der wirtschaftliche Fortschritt, wie wir ihn in der Geschichte der Menschheit er-kennen, besteht also gewiß einerseits in einer Steigerung der Bedürfnisse, in einemFortschritt der Technik, in der Zunahme des Kapitals und der Bevölkerung, andererseitsaber und noch mehr in dem immer wieder versuchten, oft mißlingenden, in Stockunggeratenden, aber auch immer wieder besser gelingenden Prozeß der gesellschaftlichenOrganisation, der moralisch.politischen Zucht. Nur diese Zucht kann größere, harmonischerzusammenwirkende wirtschaftliche Körper erzeugen, in denen eine bessere Familien-,Gemeinde- und Staatsordnung, bessere und größere Organe der Produktion und Ver-teilung, vollendetere sociale Institutionen vorhanden sind. Vollendetere Institutionengelingen nur körperlich, geistig und sittlich vollendeteren Menschen. Die Wechselwirkungzwischen den menschlichen Eigenschaften und den socialen und wirtschaftlichen In-stitutionen ist der eigentlich springende Punkt. Die Schwierigkeit des Fortschrittesliegt immer darin, daß größere Gesellschastskörper, kompliziertere Organe gebildet werdenmüssen, daß hiesür wenigstens die Führer, eine Elite schon sähig sein muß, daß dieübrigen Glieder der Gemeinschaft wenigstens die Möglichkeit der Erziehung undEmporhebung bieten. Gerade die Neubildung wirtschaftlicher Organisationen, wie z. B.jeder Schritt der Arbeitsteilung, wie die Einfügung der neuen Erwerbswirtschast indie alte Eigenwirtschaft ist das Schwierige, stets von massenpsychologischcn ProzessenAbhängige; so, wenn die Klassenbildung und Vermögensverschiedenheit beginnt, dasZusammenwirken von Unternehmern und Arbeitern, so alle Neubildung von Gesellschaftenund Genossenschaften, so das Zusammenwirken der Staats- und Gemeindewirtschaft mitder Privatwirtschaft. Das sind lauter Probleme der socialen Ordnung, der Verträglich-keit; alles wirtschaftliche Handeln für die Zukunft, für andere, für die Allgemeinheit,wie es die höhere Kultur bringt, ist dem Naturmenschen zunächst unverständlich undunsympathisch; erst eine höhere geistige und sittliche Kultur ermöglicht Derartiges. Jedichter die Menschen leben, desto verträglicher müssen sie werden. Je mehr eine Ge-