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gäbe an „seinen alten Herrn" als seinem einzigen Motiv undseinem alleinigen Ideal sprach. In dieser unvollkommenenWelt dars man niemals das Gesetz des Widerspruchs und derWandelbarkeit, dem die endlichen Dinge gehorchen, vergessen.Es gilt natürlich auch für einen so eminent praktischen Geistwie Bismarck . Ich sehe ihn noch vor mir stehen, wie er vonder Ministerbank aus dem Reichstage den Tod Kaiser Wilhelmsverkündete, die letzten Augenblicke schilderte, der Trauer desPaterlandes erhabenen Ausdruck gab. Ohne Zweifel war auchhier die in diesem Fall gebotene Jnszenirung dabei. Wer ver-stand sie besser als er, wo sie sich empsahl, wenn schon er allemüberflüssigen äußeren Apparat abhold war! Auch dieser wardnur herbeigeholt, wo er ihm dienen sollte, aber dann virtuos.Gewiß war er in jenem Augenblick wirklich bewegt und ergriffen.Es lag kein Gruud vvr, anders zu fühlen, und mancher Grund,den Ernst des Bvrgangs auch sür sich zu empfinden. Auch dievon ihm selbst verfaßte Grabschrist war gewiß ernst gemeint,wenn schon sie, in der er sich den treuen Diener des erstenKaisers nennt, weil aus den letzten Jahren stammend, einenpolemischen Hintergrund hatte. Wenn der Kanzler seinen Zornüber den Widerstand des Reichstags ausschüttete und ihm ent-gegenschleuderte, die Könige vou Preußcu seien keine Schatten-herrscher, sie gewännen bei näherer Bekanntschaft und ihr Willesei allein sein oberstes Gesetz, so füllte das wohl im selbenAugenblick sein ganzes Gemüth aus. Aber wenn er unter vierAugen oder brieflich einige Mal sagt, eigentlich sei er Republi-kaner, d. h. er könne keinen Menschen über sich stellen und habekeinen Respekt vvr den Gesalbten des Herrn, die er sv sehr ausder Nähe kennen gelernt, so ist das auch sein ausrichtiges Be-kenntniß. Einer meiner nächsten Freunde kam eines Tagesaus einer Audienz, die er bei Bismarck gehabt hatte, zu mirund erzählte mir, er habe im Nebenzimmer anfangs aus denKanzler warten müssen, der von einem Bortrag im Schloßzurückerwartet wurde. Nun trat er stürmisch ein, schleuderte dieMütze auf den Stuhl und warf ungestüm die Schillerschen Wortelaut hin: „Ich kann nicht Fürstendiener sein" —sich selbstironisirend, wie ihm oft geschah. Sein Monarchismus gehörte