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Zur Geschichte und Litteratur : aus den Schäzen der Herzoglichen Bibliothek zu Wolfenbüttel / von Gotthold Ephraim Lessing
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schriftliche Ueberlieferungen können ihr keine innere Wahr-heit geben, wenn sie keine hat.

Dieses also wäre die allgemeine Antwort auf einengrossen Theil dieser Fragmente, wie gesagt, in demschlimmsten Falle. In dem Falle, daß der Christ, wel-cher zugleich Theolog ist, in dem Geiste seines angenom^mencn Systems, nichts Befriedigendes darauf zu ant,werten wisse. Aber ob er das weiß, woher soll er selbstdie Erfahrung haben, woher sollen wir es ihm zutrauen^wenn es nicht erlaubt seyn soll, alle Arten von Einwür«fen frey und trocken herauszusagen? Es ist falsch, daßschon alle Einwürfe gesagt sind. Noch falscher ist es,daß sie alle schon beantwortet waren. Ein großer Theilwenigstens ist eben so elend beantwortet, als elend ge-macht worden. Scichtigkcit und Spötterey der einenSeite, hat man nicht selten mit Stolz und Naserümpfenauf der andern erwiedert. Man hat sich sehr beleidigetgefunden, wenn der eine Theil Religion und Aberglau-ben für eins genommen: aber man hat sich kein Gewis-sen gemacht, Zweifel für Unglauben, Begnügsamkeit mitdem, was die Vernunft sagt, für Ruchlosigkeit auszu-schreyen. Dort hat man jeden Gotrcögelehrten zum Pfaf,fen, hier jeden Weltweisen zum Gottesleugner herabge,würdiget. So hat der eine und der andere seinen Geg-ner zu einem Ungeheuer umgeschafft-u, um ihn, wenn erihn nicht besiegen kann, wenigstens vogelsrey erklären zudürfen.

Wahrlich, er soll noch erscheinen, auf beiden Seitensoll er noch erscheinen, der Mann, welcher die Religionso bestreitet, und der, welcher die Religion so vertheidi-get.