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verwahren: ſelbe ſteht nämlich ihrer Anſicht zufolge dem Range nach der Moſcheevon Mekka zunächſt. Der Moslem ſagt:„Syrien iſt das geſegnete Land, Paläſtinadas heilige, die heilige Stadt die heilige der heiligen; der heiligſte Theil der Welt iſtSyrien, der heiligſte Theil von Syrien iſt Paläſtina, der heiligſte Theil von Paläſtinaiſt die heilige Stadt(Jeruſalem), der heiligſte Theil der heiligen Stadt iſt der heiligeBerg, der heiligſte Theil des heiligen Berges iſt die Moſchee, der heiligſte Theil derMoſchee iſt die Kapelle.“ Ueberdieß beſteht eine Tradition, der zufolge jeder Chriſtder Erfüllung der Bitte theilhaft werden ſolle, die er aus dieſer Moſchee zum Himmelſchicke— und da läge denn natürlich die Bitte am nächſten, daß Gott die heiligeStadt den Türken emreißen und in die Hände der Chriſten geben wolle. Cotovicusſagt:„Der Chriſt, welcher in ihr(der Moſchee) ergriffen wird, hat nur die Wahl,entweder ſeinen Glauben abzuſchwören, oder geſpießt, oder verbrannt zu werden;“und die muhamedaniſchen Eiferer hier behaupten, der Sultan ſelbſt könne einem Nicht-muhamedaner wohl die Erlaubniß zum Hineingehen in die Moſchee ertheilen— abernicht zum Hinausgehen! Deßungeachtet erhielt der Engländer Richardſon durch OmarEffendi, den er von einem Augenübel befreite, zum Danke die Erlaubniß des Beſu-ches der Moſchee, wie auch De Hayes, Ludwigs XIII. Geſandter, der aber keinenGebrauch davon machte. Uebrigens ſcheint die einſtige Pietät für dieſen Tempel dochheut zu Tage ſchon bedeutend abgenommen zu haben, ſonſt wäre das Volk wohl kaumſo gleichailtig geblieben, als der Paſcha vor etwa vierzehn Tagen einen Theil desBleidaches dieſer Moſchee herunterreißen ließ, um den Räuber Abu Goſch mit Kugelnfür die Gewehre ſeiner Leute zu verſehen!(Schluß folgt.)
Döllinger und Bunſen.
Bunſen's Werk über Hippolytus und Kalliſtus— das als eine herzerhebendeForſchung zu Gunſten des Proteſtantismus und zu Schädigung der katholiſchen Kirchevom Herrn Ritter Bunſen der deutſchen und engliſchen theologiſchen Gelehrtenweltzugleich aufgehalſet wurde, indem es un deutſcher und engliſcher Sprache erfchien—hat in den meifſten deutſchen Blättern einen wahren Siegesjubel hervorgerufen. Esregnete Lob und Anerkennung; die„Augsburger Allgemeine“, welche bei derlei Lob-ſpielen nie zurückbleibt, gab ihren Trompeten- und Paukentuſch darein, und eineproteſtantiſche Fakultät, die von Bonn, beeilte ſich, dem Ritter von Bunſen aufſäuberlich abgeſchabter Eſelshaut in Demuth das Ehrendiplom eines Doctors derTheologie zu überreichen. Die letztere Haut⸗Angelegenheit findet ihre politiſche Er-klärung darin, daß Ritter von Bunſen als hochgeſtelſter preußiſcher Beamter zu Ber-lin eine bedeutende Stimme hat, und daß Bonn in Rheinpreußen liegt, und daß manzu Bonn von Berlin aus allerhand werden kann. Denn für das Bunſen'ſche Werk— als Machwerk, als theologiſche, kirchenhiſtoriſche Abhandlung, kanndoch die Fakultät zu Bonn nicht in ſo blöder Unwiſſenheit befangen geweſen ſeyn—ein Doctordiplom herzugeben; das galt hier offenbar der großen Perſon und nicht derkleinen Sache, dem fehr ſtarken Mann und nicht dem ſehr ſchwachen Buche. Unddoch allenthalben ein heilloſer Lärm und ein unbedingtes Lob, daß ſelbſt ſchwacheKatholiken darüber verblüfft wurden. Da kam denn nun ein ordentlicher Theologe,ein Doctor der Theologie, der einer iſt, und nicht einer, der ein ſolcher heißt, derStiftsprobſt und Profeſſor zu München J Döllinger heran und ſchrieb folgendesWerk:„Hippolytus und Kalliſtus, eder die römiſche Kirche in der erſten Hälſtedes dritten Jahrhunderts. Mit Rückſicht auf die Schriften und Abhandlungen der H. H. Bunſen, Wordsworth, Baur und Gieſeler. Von J. Döllinger, Regensburg.Manz, 1853.“ Nun nehmen aber wir die Lob- und Siegestrompete in die Hand,und zwar mit Recht, wir ſagen, daß im Fache kirchenhiſtoriſcher Kritik in Deutſchlandſchwerlich irgend wer ſeyn dürfte, der ſich an Schärfe des Geiſtes wie an Beſitz hiſto-