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Hippolytus und Kalliſtus iſt noch durch keine Schrift ſo viel Licht verbreitet worden,wie durch die Döllingers. Was euthält ſie dabe für großartige Aufſchlüſſe über dasLeben der Chriſten unter den heidniſchen Römern; über die ehelichen Verhältniſſe der-ſelben, über die Suburbanbiſchöfe u. ſ. w. u. ſ. w., die für jeden Theologen vomhöchſten Intereſſe ſind, was für tiefe pſychologiſche Bemerkungen, von denen wir um-einige kurze anführen wollen. So z. B.:„Wäre Kalliſtus, wie Hippolyt ihn ſchil-dert, ein Schmeichler und Augendiener des Biſchofs und zwar eines eigennützigen undhabgierigen Biſchofs geweſen, ſo iſt es ganz undenkbar, daß ihn nach dem Tode dieſesBiſchofs freie Wahl, alſo die gute Meinung des Volkes, die Gunſt und Achtung desPresbyteriums auf den Beichtſtuhl erhoben hätte. Welche Mittel konnte er denn in
Bewegung ſetzen? Beſtechung? er war arm, und die Zahl der zu Beſtechenden wärejedenfalls viel zu groß geweſen. Verwendung mächtiger Gönner? die Mächtigenwaren damals heidniſch, und Hippolyt hätte Derartiges, wäre es vorgekommen, nicht
verſchwiegen. Die Wahlen geſchahen nicht durch Wenige und insgeheim, ſondern
durch Viele und offen. Aber Hippolyt hat doch Kalliſtus ſo beſchrieben, und Hip-
polyt war ein frommer, alſo wohl auch ein wahrheitsliebender Mann? Ja, er hat
geſagt, was ihm zugetragen wurde; und wenn Parkteigeiſt mit perſönlicher Erbitterung,
wie hier, zuſammenwirkt, dann wird die Leichtgläubigkeit, auch bei Frommen, garbald der Wahrheitsliebe Meiſter.“
(Schluß folgt.)
Paläſtina.
Vor Kurzem kam der Dominicaner Onuvrius Burateewich in einem von78 Jahren als Pilger nach Jeruſalem. Er gehört durch ſeine Geburt einer der vor-
nehmſten Familien von Podolien an. Im Jahre 1796 wurde er vom MonſignorDembowski, Biſchof von Kaminíec zum Subdiacon geweihet, und mußte gleich nach-her die Kanzel beſteigen, und die katholiſchen Polen auffordern, ihrem Glauben getreuzu bleiben, denn die Kaiſerin Katharina II. von Rußland wandte alle Mittel an,um ſie zum Abfall von der Kirche zu vermögen. Kaum hatte er ſeine Aurede geen-digt, als man ihn gefangen nahm, in Ketten legte, auf eine Kibilke ſetzte und nachTobolsk an die Gränzen von Sibirien brachte. Hier wurde er ſofort ins Gefängnißgeworfen. Einige Tage nachher ließ ihn der Gouverneur rufen, verſprach ihm dieGnade der Kaiſerin, Ehrenbezeugungen und ein Bisthum, wenn er zur ruſſiſch⸗ſchis-matiſchen Religion übertreten wollte, er weigerte ſich aben. Da wurde der Henker
berufen und der Bekenner des Glaubens mit der Knute beſtraft. Dieſelbe Strafewurde noch zweimal, je nach Verlauf von fünf Wochen, an ihm vollzogen. Dannwurde er auf ewig nach Sibirien verbannt. Buratewich lebte in Sibirien ſeit ſieben-zehn Jahren, als er fieberkrank wurde. In dieſem Fieber machte er das Gelübde, erwolle nach dem heiligen Grabe pilgern,wenn Gott ihm Geſundheit und Freiheit
wiedergäbe. Er ward wieder geſund, und bald nachher wurde er im November 1813
mit Andern vom Kaiſer Alexander begnadigt. So kam Buratewich nach Europa zu-
rück. Im folgenden Jahre traf er in Savona in Italien mit dem Cardinal Rudnay,Erzbiſchof von Gran und Primas von Ungarn zuſammen. Dieſer nahm ihn mit ſich.Seit ſeiner Befreiung waren nun ſieben und dreißig Jahre verfloſſen, als er in derNacht eine Stimme zu vernehmen glaubte, welche ihm ſagte: Woiſt dein Gelübde?Er hatte ſein Gelübde ganz vergeſſen. Er ging nun nach Rom, ſein Ordensgeneralließ ihn zum Prieſter weihen und erlaubte ihm nach Jeruſalem zu pilgern.
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