Vierzehnter Jahrgang.
Sonntags-Beiblatt
zur
Augsburger Pojhtitung.
8. Januar S. 1854.
Dieses Glatt erschetnt r?gelmaßia alle Gonntaae. Der ^ldjähriste Aiivnii.il^nljvrkis40 kr., wnnir e« durch alle köm'al. baver. Poüümter und alle Nuchhanvluvai'» l,,,on^n v>e,t>en k>,o».
Von dem Glücke — Fastenfpeisen zu essen.
Ein sauberes G^'ick! wird man aufrufen. Ein Glück, dem Jedermann gernauS dem Wege geht! Wie soll das ein Glück seyn, kräftige Fleischbrühen, sufli eLendenstücke, Wildpasteten und pikante Ragouts l-nb?rül,it zu l.issen, um mit Küm-melsnppe und Eierspeisen, mit Linsen und „Abschredl" vorlieb z» nehm.»? Ja) vorden edlen Fischen da haben wir schon Respect, aber die kann man zu allen Zeiten„andächtig" genießen. — Ware e5 ein Glück, wird ein Neberkluger einwenden, wiekönnte eS denn zugleich ein Verdienst seyn? — Ein Cchrifikundiger wiro sich alsovernehmen lassen! Nicht daS, waS in den Mund eiugeht, verunreiniget u. s, w.
ES thut mir leid, aber ich kann ungeachtet dieser dem Nainrleben, der L.gikund der Schrift entnommenen weisen Betrachtungen, um welche bei uus in en^enund weiten Kreisen „mit Grazie die Rcdnerlippe spielt" von meinem wunderlichenTerte kein Tüpfelchen ablassen. Ich will damit nicht bl.ß andeuten, raß jeoeS derPflicht gebrachte Opfer sich selber lohnt: das versteht sich ohnehin; ich bediene michvielmehr dieser Werte hier in einem specielleren Sinne. Od mit Recht, darübermögen die Leser urtheilen, die Fastenden und die Nochnichtfastenden. — Im Voi bei-gehen gesagt, eS wäre interessant zu wissen, wie Viele in die eine und wie Vielem die andere Classe gehören, doch leider schweigt die Statistik über diesen Punctgänzlich.
DaS kirchliche Fastengebot ist namentlich in großem Städten einer allgemeinenMißachtung anheim gesallen. Auf den Speisekarten der Mehizahl der Hotels undGasthöfe glänzen die Fastenspeisen nur durch ihre — Abwesenheit. (Diese Reoewen-duug gehört ursprünglich dem römischen Geschichtschrnder Tncitus an, der von denSchmansereicn der allen Germanen anch Einiges zn erzählen wußte.) Findet manaber in den wenigsten Wntbshäusern am Freitag Fasten^erichte, wie sollte man sieerst an Quatember - und Vigilientagcn aiurcffeu? Die Köche haben ja so vollanf zuthun; wie könnten sie noch Zeit erübrigen, im Kalender dem fatalen f nachzuspüren?Geht es doch den „Künstlern" vom Fache in vornehmen Häusern, auch bei Hoden undhöchsten Staatsbeamlen um kein Haar besser; denn auch sie werden durch „Geschäfts-überbürdung" von derlei Kalenderstudien abschalten!
Indessen geschieht es denn doch zuweilen, daß ein „Fremder" F>istensp,isen be-gehrt. Dann begibt sich in der Regel Folgendes. An dem Tische, wo das unh.im-liche Wort ausgesprochen wird, verbreitet sich eine peinliche Siuumnng, der FadendeS Gesprächs bricht ab, das Lächeln schwinvel, die Stirnen wer'cn ernst, und inden Blicken, d e sich auf den Fremdling richten, würde selbst L.waicr schwerlich eineSpur von Wchlllxllen herausfinden. Der Kellner schaut verdutzt, denkt wohl auchmit Stolz daran, daß er über derlei Thorheiten hinweg sey.
Fällt aber das verhängnißvolle Wort aus dem Munde eines Einheimischen,