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eines sogenannten „Stammgastes", der sich bisher an kein Fastengebot gehalten hat,dann ist das Befremden der überraschten Tischgenossen noch deutlicher wahrzunehmen,nnd eö kleidet sich nach dem Grade der Bildung in verschiedene Formen. Der Ther-mometer sinkt plötzlich um ein paar Grade, die Behandlung wird kühler, das Ge-spräch wird an Andere gerichtet, und der Abtrünnige kann sicher seyn, daß man ihnan diesem Tage mit dem Anglimmen der Cigarren verschonen werde. — Hält erbeharrlich auö, ohne sich viel in Erörterungen einzulassen, so gibt sich die Sachewohl aumälig; man verzeih! ihm endlich die unbequeme Mahnung, und wenn er sonstAchtung verdient, so wird sie ihm jetzt vielleicht in höherem Maaße zu Theil, ver-steht sich ganz in der Stille.
Lassen Sie uns nun sehen, waS in dem Gemüthe dieses Mannes vorging. Erhat sich viele Jahre hindurch um die katholische Kirche , der er doch äußerlich ange-hört, gar nicht bekümmert; er stand ihr vielleicht feindselig gegenüber, und würdevormals gegen die Frömmler und Ultramontanen Fr^nt gemacht haben: denn mir denElementen der modernen Bildung hatte er auch ihren Unglauben cingesogen; ja erwürde denjenigen verlacht baben, der ihm eine totale Sinnesänderung in Aussichtgestellt hätte. — Und dennoch — auch für ihn ist der Tag des Heils gekommen!Die göttliche Gnade hat einen Funken in sein Herz geworfen, und diesen Funken,er hat ihn nicht gleich, wie leider so Viele zu thun pflegen, störrisch hinauögeschleu-dert. Eigene und sremoe Schicksale, Leiden, Umgang und Beispiel, Nachdenken undSludien haben diesen Funken gei-ährt ftnd angefacht, nnd so ist der Mann endlichnach vielem Schwanken und Wanken nicht ohne Mühsal und Kampf zur Erkenntnißder Wahrheit gelangt. Seine Umgebungen sind indessen die nämlichen geblieben, alleiner betrachtet sie nun mit andern 5>ugen, Die Witze und Spöttereien, die er sonstbelächelte, findet er nun abgeschmackt und frevelhaft; Einwendungen und Argumente,die ihm vormals imponirten, dünken ihm jetzt feicht und schaal, ja er sieht in ihnenmeistens nur eine Frucht grober Umvissenheit, In seinem Unmuthe würde er sichgern von Freunden uno Bekannten zurückziehen, glücklicherweise gestalten ihm dießseine Verhältnisse nicht, und so wird er denn endlich auch über die Bitterkeit Herr,die sich anfänglich gegen Andersdenkende einzuschleichen pflegt. Aber Einen Schritthat er noch vor sich, einen unabweislichcn, nämlich daö offene, freie, unumwundeneBekenntniß seiner katholischen Ueberzeugung! Er zögert lang, zu lang — er faßtEntschlüsse und vertagt ihre Ausführung, der Stachel des Gewissens wird indessenimmer fühlbarer — im Streite mit schnöder Menschenfurcht; die göttliche Gnade istvielleicht auf dem Puncts sich für immer von ihm zurückzuziehen: da faßt er endlichwie man zu sagen pflegt sein Herz mit beiden Händen — und öffentlich unterwirft ersich dem — Kirchengebot!
Und am Abend dieses entschnvenden TageS im stillen Kämmerlein rnsr er auS:Gott sey in Ewigkeit gepriesen! ich habe überwunden, nnd in meinem Innern fühl'ich eine Kraft, eine Zuversicht, einen Frieden, wie ich noch nie empfunden! — MitRührung denkt er nach Jahren noch an die Stunde zurück, wo ihm das Glück zuTheil wurde, zum erstenmale — Fastcnspeisen zu genießen.
Finden Einige meiner geneigten Leser (von der Classe der Nicht-Observanten)auch jetzt noch die Ueberschrift dieser Zeilen paradox? Nun dann haben Sie ja einsicheres Mittel die Wahrheit zu erproben; dieß Mittel heißt: eigene Erfahrung!(Oesterr. Volksfr.)