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schaft in das Reich der Finsterniß eingetreten, und dem der Hirngespinnste verfallen.Von einer Seite selbst die gebieterische Nothwendigkeit fühlend, sich der Wahrheit zuunterwerfen und dem Irrthum zu entziehen, — von der andern aber die Unmöglich-keit, entweder den Irrthum festzustellen oder die Wahrheit, hat sie einen ganzen Ka-talog von herkömmlichen und willkürlichen Wahrheiten, einen Katalog von vermeint-lichen Irrthümern formulirt, und dann gesagt: Ich bete die ersten an und verdammedie zweiten, — in arger Blindheit übersehend, daß sie, indem sie die einen anbetetund die andern verdammt, in Wahrheit gar nichts anbetet und nichts verdammt;oder, wenn sie überhaupt etwas anbetet oder verdammt, sie selbst es ist, welche sichanbetet oder verdammt."
8. „Die doctrinelle Unduldsamkeit der Kirche hat die Welt auö dem Chaosgerettet; sie hat die politische Wahrheit außer Frage gesetzt, wie die häusliche, diesociale, wie die religiöse; — also ursprüngliche und heilige Wahrheiten, welche keinemStreite unterworfen seyn können, weil sie die Grundlage aller Erörterungen sind;Wahrheiten, welche man keinen Augenblick in Zweifel ziehen kann, ohne daß sofortdas geistige Leben schwankt, sich zwischen Wahrheit und Irrthum verlierend, ohnedaß sich sogleich auch der reinste Spiegel der menschlichen Vernunft verdunkelte undtrübte. Darum hat die Gesellschaft, da sie sich von der Kirche loSriß, nichts Anderesgethan, als die Zeit in halt- und fruchtlosen Streitigkeiten verloren, welche, ihrenAuSgangspunct im absoluten Zweifel findend, kein anderes Resultat liefern können,als den vollständigen Skepticismus. Die Kirche, allein die Kirche, hat daS heiligeVorrecht ergiebiger und fruchtbarer Erörterungen gehabt. Die Theorie von DeScar-tes, nach welcher die Wahrheit aus dem Zweifel, wie Minerva aus dem HaupteJupiters hervorsteigt, verkennt das göttliche Gesetz, welches zu gleicher Zeit der Er-zeugung der Körper und der Ideen vorsteht. Durch dieß Gesetz schließen die Gegen-sätze beständig die Gegensätze aus, und das Aehnliche bringt immer Aehnlichcs hervor.Kraft dieses Gesetzes geht aus dem Zweifel beständig der Zweifel, aus dem Skepti-cismus der Skepticismus hervor, wie aus dem Glauben die Wahrheit, aus der Wahrheitdie Wissenschaft."
9. „In der Kirche sind die Dinge dergestalt geordnet, daß die Tyrannei undder Aufruhr unmöglich: da ist die Würde des Untergebenen so groß, als die desKirchenfürsten, und die des Kirchenfürsten besteht genau in Dem, waS sie gemeinhat mit dem Untergebenen. Die größte Würde des Bischofs besteht nicht darin, Fürst,noch die des Papstes darin, König zu seyn, sondern Priester, wie die Untergebenen,Ihr erhabenes nnv unveräußerliches Vorrecht besteht nicht im Regieren, es besteht inder Macht, den Sohn GotteS zum Diener ihres Wortes zu machen, und darin, daßsie dem Vater fortwährend den Sohn als Opfer für die Sünden.der Welt darbrin-gen; es besteht in der Vermittelungsfunction, durch welche sich die Gnade ergießt;in dem höchsten und unveräußerlichen Recht, Sünden zu vergeben und zu behalten.Die höchste Würde ist diejenige, mit welcher Alle bekleidet sind: sie besteht weder imApostolat noch im Pontificat; sie liegt im Priesterthum. Betrachtet man die päpst-liche Würde als Einzelnes, so scheint die Kirche eine absolute Monarchie; betrachtetman aber in ihr ihre apostol. Verfassung, so scheint sie eine sehr mächtige Oligarchie.Und betrachtet man wieder von der einen Seite die Würde, welche die Prälaten mitden Priestern gemein haben, von der andern aber die tiefe Kluft, welche Priester undVolk scheidet, so erscheint sie als eine ungeheure Aristokratie. Wirft man dann einenBlick auf die zahllose Menge der in der ganzen Welt verbreiteten Gläubigen, undsieht, wie das Priesterthum, der Apostolat und der Pontificat zu ihren Diensten ist,wie sich in dieser wunderbaren Gesellschaft Alles nicht um das Wachsthum Derjeni-gen handelt, welche befehlen, sondern um das Heil Derer, die gehorchen, — wennman den tröstlichen Glaubenssatz betrachtet von der wesentlichen Gleichheit der See-len; wenn man sich erinnert, daß der Erlöser des Menschengeschlechtes den Opfertodam Kreuze für Alle und für jeden Menschen erduldet, — daß es ausgesprochenerGrundsatz ist, daß der gute Hirt sein Leben für seine Schafe läßt, und wenn man