Zwölfter Jahrgang.
Sonntags-Beiblatt
zur
Augsburger Pojtzeitung.
S5. Januar äll. 185S.
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Charlotte Henriot,
oder Ergebung und Aufopferung. *)
I. Der Tod einer Mutter.
Die Glocke der Pfarrkirche von St. Wulfran in Abbeville ertönte in lang-samen Schlägen; ein Priester, vor dem Tabernakel stehend, entnahm eilig dem Hei-ligthume die heiligen Oele und die heilige Hostie, schloß alles in einen rothsammtnenBeutel und barg diesen an seiner Brust. Dann, Chorhemd und Stola unter seinemMantel bergend, bloßen KopfeS, durchschritt er hastig mehrere Straßen, ohne daß,Dank den sonderbaren Einrichtungen unserer Zeit, Jemand geahnt hätte, der Schöp-fer der Welt schreite in diesem Augenblick durch die Menge, demüthig, verborgen aufder Brust eines Sterblichen, und entschlossen, alle Erniedrigungen zu dulden, umeinem sterbenden Wesen das Pfand der ewigen Glückseligkeit zu sichern. Unter derFülle seiner Gedanken gleichsam gebeugt, eben so wie in Ehrfurcht vor dem leben-digen Gotte, den er so zu sagen unter seiner Hand fühlte, kam der gute Pfarrerbis zu einem bescheidenen Hause, dessen Aushängeschild die Worte trug: Henrior,Tuchhändler. Er durchschritt den verlassenen Laden, stieg die Treppe hinauf, undwurde oben von einem laut weinenden Manne empfangen: „Ach, kommen Sie, HerrPfarrer, sie hört nicht auf, nach Ihnen zu fragen!"
Der Pfarrer grüßte und folgte dem untröstlichen Gatten in ein Zimmer,welches starker Aethergeruch, die Folge der letzten bei der Sterbenden angewandtenArznei, erfüllte. Im Hintergrunde, auf einem mit Sorgsalt bereiteten Lager ruhteeine junge Frau, deren Züge in den Schmerzen und der Blässe des Todes noch an-ziehend erschienen; sie hielt ein kleines Crucifir in ihren Händen, und horchte mitfrommer Sammlung der Stimme einer alten Dienerin, die ihr vorlas, indem diese,von Thränen fast erstickt, es versuchte, ihre Herrin durch einige Sprüche des viertenBucheS der Nachfolge Christi zur letzten heiligen Wegzehrung vorzubereiten:
„Der größte und einzige Trost der Seele, so lange der sterbliche Körper sienoch von Dir entfernt hält, ist der, sich oft ihres GotteS zu erinnern, und ihrenGeliebten mit zärtlicher Andacht zu empfangen."
„O selig das Herz, glückselig die Seele, welche eS verdient, andächtig ihrenHerrn und Gott zu empfangen, und dadurch von einer heiligen Freude erfüllt zuwerden!
Diese Freude, so sehr vom frommen Schreiber gewünscht, erglänzte hell aufder Stirne der jungen Frau, als sie den Priester an ihrem Bette stehen sah; ihrbleiches Gesicht verwandelte und verschönerte sich, so zu sagen, in dem heiligen AuS-
-) Aus dem Journal de Brmelles. Uebersetzung der D. V. H.