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druck der Hoffnung, deS Vertrauens und der Liebe; eS schien, als färbe die unbe-wegliche ^onne der Ewigkeit schon die sterbende Stirne und entzünde in diesen, schonden Dingen der Welt geschlossenen Augen einen himmlischen Strahl.
Der Geistliche nahte sich ihr, und nachdem er sie tiber ihren Glauben befragt,salbte er mit den heiligen Oclen ihre dem Grabe verfallenen Glieder, daS mütterlicheGebet sprechend, welches die heilige Kirche dem Munde ihrer Diener dictirt:
„Durch diese heilige Oelung und durch Seine große Barmherzigkeit möge derHerr dir alles Böse verzeihen, waS du durch Augen, Ohren u. s. w. begangen."
Er beeilte sich, weil ihm schien, als entfliehe bald der letzte LebenShauch derKranken. Sie selbst fühlte es, und sprach leise: „O mein Erlöser, komm, kommdoch bald!" Sie wollte sich aufrichten, aber ihre große Schwäche ließ cö nicht zu:auf ihren Gatten und die alte Dienerin gestützt, empfing sie mit verlangender Seeleihren Heiland und blieb lange in stillem Dank versunken; endlich erhob sie die Stimme,aber so schwach, so gebrochen, daß nur der über sie gebeugte Gatte die letzten Lautederselben vernehmen konnte. „Mein Lieber," sagte sie, „bringe mir Charlotte, ich willsie segnen." Der arme Gatte und Vater ging hinaus und kam bald zurück, einkleines frisches, rosiges Mädchen von sechs Jahren an der Hand führend, das andas Belte der Mutler eille und sich mit stürmischer Freude darüber hinstürzen wollte.„Ruhig, mein Kind," sagte der Pfarrer, „deine Mutter ist sehr krank." — „O Mut-ter!" rief die Kleine mit kläglichem Tone. — «Hebe sie auf mein Bett," flüstertedie schwache Stimme der Sterbenden. ES geschah, und beim Anblick ihrer blassen,so veränderten Mutter brach das Kind in Weinen aus. Jene betrachtete die Kleinestarr mit den verschleierten Augen, und ihre zitternden Hände zum Himmel erhebend,betete sie: „O mein Gott, Dir befehle ich sie, für sie bringe ich Dir das Opfermeines LebenS! Laß sie fromm, laß sie gut werden, und Dich über AlleS lieben!...LiebeS Kind, Gott möge dich segnen, wie ich dich segne!... Du, mein Freund,sey ihr gut, erziehe sie gottesfürchtig, liebe sie, wie du mich liebtest. — Leb' wohl,Charlotte, leb' wohl!" . . . Ihre Stimme sank, erschöpft fiel sie zurück, daS Crucifix,den Trost ihrer langen Leiden, auf ihre Lippen drückend. Charlotte näherte sich ihr,um sie zu küssen, aber schnell zog sie sich von ihr weg und rief: „O wie kalt istmeine arme Mutter!"
II. Die Waise.
Auf die ersten Tage einer fürchterlichen Leere, einer unendlichen Trostlosigkeit,die ein unersetzlicher Verlust hinterläßt, folgt ein stillerer Schmerz, der sich in dentäglichen Beschäftigungen, in dem Treiben und Arbeiten deS LebenS allmälig abschleißt:Henriot nahm seinen Platz in Bureau und Comptoir wieder ein, Grete sah manwieder in ihrer gewohnten Thätigkeit, und ward sie durch die Arbeit von ihrerwirklichen Betrübniß etwas abgelenkt, so hörte man sie wohl bei ihren unaufhörlichenWanderungen durch'S Haus das eine oder andere alte Liedchen singen.
Der Verlust der guten Frau Henriot drückte also eigentlich mit seiner ganzenLast nur die kleine Charlotte; nicht daß dieS Kind sein Unglück auf eine seinem Alterunnatürliche Weise empfunden hätte, sondern darum, weil Niemand ihr daS Verlorne— die Sorge und Liebe einer Mutter — ersetzen konnte. Es ist wahr, daß derVater sie liebte; indeß ganz durch sein Geschäft in Anspruch genommen, glaubte erdie Schuld der väterlichen Liebe durch Liebkosungen und Spielzeug genügend abzu-tragen. Margaret!)'liebte die Kleine mit der Vergötterung, die oft daS Alter derKindheit widmet, und die beständige Verwöhnung des Lieblings zeugte von ihrerZärtlichkeit. Vergebens forderte daS Kind von diesen beiden Wesen, ihr gut zu seyn,jene ausopfernde Liebe, jene erfinderische Sorgfalt, jene geduldige, starke, verständigeZärtlichkeit, deren Gegenstand sie sich seit sechs Jahren gefühlt hatte. Ohne nochihr Unglück zu begreifen, empfand sie eS dennoch: die Mutter war nicht mehr da,um mit ihr zu plaudern, um durch geschickte Fragen ihre schlummernden Begriffe zuwecken, den kaum erschlossenen Keim zu hüten; die Mutter fehlte, um sie lesen zu