Ausgabe 
12 (25.1.1852) 4
Seite
27
URN (Seite)
  
 
Einzelbild herunterladen

S7

lehren und ihr die heiligen Bilder der großen Bibel zu deuten > ihren Eifer durchinteressante Erzählungen zu beleben und ihre Fehler-durch edle Beispiele verschwindenzu machen. Charlotte arbeitete nicht mehr; ihr Leben war eine lange Ferienzeit.O wie langweilte sie sich auch, wie langsam und traurig verfloß ihr die Zeit! Indem weiten, leeren Hause irrte sie bald in dem Laden, bald in dem Speisezimmerumher; von da zum Garten, wo einige spärliche Sträuche standen; von da zur Küche,wo Grete sie durch Liebkosungen und Leckerbissen zu unterhalten strebte; aber überallwar sie traurig, wie ein armeS Kind ohne Mutter, d. h. ohne Führer, ohne Ord-nung, Stütze und Leitung.

So verfloß ein Jahr. Die wunderbare Maschine des VergefsenS, die, wieJemand sagt, die Welt in Bewegung setzt, hatte auch auf Henriot's Geist ihregewöhnliche Wirkung ausgeübt. Auch er vergaß die so sehr beweinte Gefährtin, undder verödete Herd erweckte in ihm allmälig den Wunsch, denselben wieder auf'ö Neuebelebt zu sehen.

Daher wurde das Verlangen, neue Baude zu schließen, in ihm immer dringen-der, und da er Gründe suchte, ein so schnelles Vergessen vor sich selbst zu rechtfer-tigen, so wurde der Zustand der Verlassenheit, in dem sich seine kleine Charlottebefand, der Vorwand, welcher ihn vor dem Richterstuhle seines eigenen Herzens ent-schuldigte. Er wählte ihr also eine Stiefmutter.

Welch große Wurde und folglich welch große Bürde liegt in dem Titel einerStiefmutter, den doch so viele Frauen so leicht sich aneignen I Nicht allein, die ersteGattin dem Gatten, sondern auch die Mutter an der Wiege zu ersetzen, all' ihreEmpfindungen, ihre Selbstverläugnung, Zärtlichkeit, Aufopferung, Geduld zu über-nehmen; durch Pflicht DaS zu werden, wozu die Natur die Mutter macht, ihr, sozu sagen, das in Liebe getränkte Herz abzuleihen, das Gott ihr gab, um daran ihreKinder zu erwärmen; durch Vernunft und Güte alles DaS zu thun, was Jene ausnatürlichem Triebe vollbringt; selbst später Mutter geworden, dann nicht ihre eigenenKinder zu großen Vorzug ahnen zu lassen; immer, zu jeder Zeit gerecht, gut, zärt-lich, Beherrscherin ihrer selbst zu seyn, über eine unwillkürliche Abneigung sowohl,als über eine zu blinde Liebe zu siegen: daS sind die Verbindlichkeiten, die jenerTitel auferlegt, edle Pflichten, so selten verstanden, so selten erfüllt.

DaS junge Mädchen, dem Henriot seinen Namen gab, hatte während ihresganzen Lebens wenig darüber nachgedacht, waS Andere mit Recht von ihr fordernkönnten. Aeußerst eigensüchtig, hatte sie sich zum Mittelpunct des kleinen Zirkelsgemacht, in dem sie lebte; nie war es ihr eingefallen, daß irgend eine Pflicht AndernRechte über ihre Zeit, ihre Sorge und ihre Person gäbe, und da sie ziemlich kalteTochter und gleichgiltige Schwester gewesen, so glaubte sie nicht, daß jenes Kind,zu dessen Mutier sie Henriot machte, ihr eine ernstliche Aufgabe, eine schwere undbindende GewissenSverpflichtung werden könne. Während der wenigen, der Vermäh-lung vorhergehenden Tage sah Melanie in der kleinen Charlotte nur ein niedlichesSpielpüppchen, und nachdem Henriot die Kleine auf dem Schooße der jungen Brautgesehen, glaube er seinem Kinde alles DaS wiedergegeben zu habe», was ihm derTod geraubt. Unter diesen günstigen Vorzeichen ging die Vermählung vor sich; nurMargareth, ähnlich Troja'S Kassandra, klagte allen Nachbarn:Man gibt meinerarmen Charlotte eine böse Stiefmutter, eine Rabenmutter! Ach, wenn meine Herrindas sähe!"

III. Die Stiefmutter.

Die ersten Monate vergingen auf ruhige Weise; Frau Henriot blieb ihrerStieftochter gegenüber in der neutralen Lage gänzlicher Gleichgiltigkeit. Sie küßteCharlotte am Morgen und eben so Abends; während des TageS war die Kleine derAufsicht und den LiebeSbezengungen der alten Grete übergeben, die sie nicht einenAugenblick verließ. Jedoch eine leicht vorherzusehende Begebenheit erweckte bald inder Tiefe von MelanienS Herzen die schlechten Gefühle, welche der Egoismus erzeugt.