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Während sie eines Tages im Comptoir ihres Ladens saß, sah sie einen Beamten ansich vorübergehen, der Henriot zu sprechen wünschte und sich lange mit ihm einschloß.Als ihr Mann auS dieser geheimen Confercnz zurückkehrte, fragte sie ihn um denGegenstand der Unterredung. „O, dieser Herr," antwortete Henriot, „ist der Neben-vormund unserer Charlotte, der wegen Unterbringung einiger Gelder meine Meinungzu wissen wünschte." — „Wie, Charlotte hat also Vermögen?" — „Ja wohl,ungefähr 30,000 Franken, welche ihre Mutter besaß; ich denke sie durch den Ankaufeines kleinen Bauerngutes anzulegen, daS in ^ill^ Is nsut dlvoder liegt."
Diese einfachen Worte verwandelten mit Einem Male alle Gefühle der Stief-mutter. Arm, und ohne Mitgift vermählt, konnte sie ihren künstigen Kindern keinanderes Gut hinterlassen, als daS väterliche, sehr beschränkte Vermögen, wovonCharlotte, ihr bereits unausstehlich geworden, noch die Hälfte für sich ansprach.Dieser Gedanke verfolgte sie von -nun an so sehr, daß daS Kind der Gegenstandihres fortgesetzten Hasses wurde, den selbst seine zarte Kindheit nicht schmelzen konnte.Charlottens Fehler, über die sie bisheran nicht mit heilsamer Sorgfalt gewacht,wurden mit boshafter Aufmerksamkeit hervorgesucht, dem Vater mit listiger Verstellunggeschildert, und ihre kleinsten Vergehungen auf's schärfste bestraft. Auch fand dieStiefmutter daS Geheimniß, das schwache und oberflächliche Gemüth deS VaterS vondem Kinde zu entfernen, und die ganze Summe der ihm möglichen Zuneigung demSohne und der Tochter zuzuwenden, die sie in wenigen Jahren ihm schenkte. Soimmer enger in die Bande um ihn her eingeschlossen, vernachlässigte er daS theureVermächtniß einer Sterbenden, daS Kind, welches nur ihn zur Stütze und zum Ver-theidiger hatte, und übergab Charlotte ihrer Stiesmutter, d. h. ihrer Feindin. DerHaß ist erfinderisch; auch litt die Kleine in jeder Hinsicht: Seit ihrer Geburt warsie von zärtlicher Sorgfalt umgeben gewesen, ihre Bedürfnisse, selbst ihre kleinenWünsche waren von einer stets wachen Liebe vorhergesehen; gänzliche Verlassenheittrat an die Stelle jener süßen Sorge: Gesundheit, Anzug, Erholungen wurden ver-nachlässigt, und selbst ein Unwohlseyn rief kaum einigen Beistand bervor. Sie ver-langte nach Unterricht, man beschränkte sie auf die nöthigsten Stunden, und nachherunternahm Frau Henriot selbst den Unterricht ihrer Stieftochter, waS ihr bei dem oftgetäuschten Publicum zu großem Lobe gereichte. Charlotte bewegte sich gerne in fri-scher, freier Luft; man befahl ihr, meistens in einer Ecke deS finstern HinterladenSsitzen zu bleiben, wo sie immerwährend beschäftigt seyn mußte, grobe Strümpfe zustricken oder breite Säume zu nähen. Sie hatte ein annäherndes, sich gerne erschlie-ßendes Gemüth: ihr Vertrauen wurde zurückgedrängt; Ausbrüche lindlicher Offenheit,die eine Mutter in die Tiefe ihrcS Herzens aufgenommen hätte, wurden durch Spottlächerlich gemacht, oder durch die wehthuende Kälte zurückgestoßen, und was ihr derLiebe so bedürftiges Herz bei allem Diesem noch mehr quälte, war die Vergleichung,die sie jeden Tag machen mußte, wenn sie ihre Geschwister von der Zärtlichkeit um-geben sah, die ihr selbst entzogen wurde.
Während einiger Monate fand daS arme Kind eine Zufluchtsstätte bei dertreuen Grete; aber sobald die Stiefmutter merkte, daß Charlotte ein FreundeSherz,eine sanfte Trostesstimme, wahre, sie vertheidigende Freundschaft gefunden, suchte sieeinen Vorwand, ihr dieß zu rauben, und sie suchte nicht lange: Margaret!) wurdeverabschiedet. Die arme, in Schmerz aufgelöste Alte nahm am Tage ihres Abschiedsdie Kleine an eine verborgene Stelle deS Gartens, küßte sie wohl hundert Mal undsagte: „Mein Kind, mein liebeS, theures Kind, ich muß gehen, man schickt michfort; ich werde dich nicht mehr sehen, dir nicht mehr von deiner guten Mutter redenkönnen, die im Himmel ist; aber da nimm, Charlotte, steh, da ist das Crucifix, dassie sterbend geküßt; ich habe es aus ihren kalten Händen genommen, bewahre eSgut und erinnere immer, daß sie dir so oft anbefohlen hat, gut und fromm zu seyn.Leb wohl, leb wohl, mein Kind!" .... „Ich will nicht, daß du weggehst," schriedie Kleine in Thränen zerfließend, und schlang ihre Arme um die alte Dienerin.Diese drückte das Kind fester an sich.... Aber Charlottens lautes Schluchzen hatte