Ausgabe 
12 (8.2.1852) 6
Seite
42
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Charlotte zitterte: der Gedanke, sich den erzürnten Gläubigern zu zeigen, warihr unaussprechlich peinlich; aber im Stillen erhob sie ihre Seele zu Gott ; sie batihren erhabenen Beschützer um Kraft, und fühlte sich von jener Demuth beseelt, diegroße Dinge zu thun fähig ist. Die HauSklingel ertönte bald wieder, ihr Herz ant-wortete darauf mit unwillkürlichem Pochen. Die Magd trat ein und sagte: »DreiHerren warten im Salon." Frau Henriot warf Charlotten einen Blick der Ver-zweiflung zu, und diese, blaß, aber entschlossen, begab sich zu den Besuchenden.

Sie erkannte dieselben auf der Stelle; eS waren die Hauptgläubiger ihresVaterS, die sich in einem gemeinschaftlichen Gange zu ihrem Schuldner begebenhatten. Charlotte begrüßte die Herren mit einer Schüchternheit, welche noch durchden harten und düstern Ausdruck der Züge der vor ihr Stehenden sich verstärkte.Der Aelteste nahm daS Wort und sagte:

Aufrichtig gesagt, sind Sie eS nicht, mein Fräulein, mit der wir ein Geschäftabzumachen haben; Herr Henriot?"

Sie reichte ihm daS von ihrem Vater an seine Gläubiger gerichtete Blatt,durch welches er ihnen seine Waaren und Möbel zu lassen erklärte.

Herr Richard zog die Augenbrauen zusammen, gab daS Schreiben einem seinerCollege», und sagte in rauhem Tone:

Die ganze Geschichte liegt im Graben! Großer Aufwand, närrische Ausgaben IDer Schein eines großen Herrn und Werke eines Schurken .. . ."

Verschonen Sie uns, mein Herr!"

Aber, mein Fräulein, wie wollen Sie, daß ich dieses Benehmen auslege?"

Mein Vater hat unvorsichtig seyn können; aber er ist ehrlich, und läßt IhnenAlles, was er besitzt."

Wer versichert uns dessen? .... Indessen, werden wir nicht bezahlt, so rächenWir uns wenigstens, und auf der Stelle gehen wir jetzt an daS Handelsgericht,Henriot als sallit erklären zu lassen!"

Dieses Wort ertönte in Charlotte wie Todtengeläute. Sie rang die Händeund rief aus:

Ich beschwöre Sie, mein Herr, verschonen Sie unS! Heften Sie diese Be-schimpfung nicht an unsern Namen, an den meiner noch so jungen Geschwister.

--Seyn Sie gut, großmüthig; Alles, was wir besitzen, soll Ihren Händen

übergeben werden, wir wollen arbeiten, um unsere Schuld abzutragen; ach ich flehe,erhören Sie mich!...."

Thut mir sehr leid, Ihnen nicht willfahren zu können, Fräulein: allein Sieverlangen etwas Unmögliches; wir müssen zu unserm Recht und unserer Ordnungkommen, und dann verdient der böse Streich, den uns Henriot gespielt, wohl einsolches Verfahren."

Aber, meine Herren," sagte Charlotte, in der plötzlich ein neuer Gedankeaufstieg:wenn man Ihnen anböte, die Schulden auszugleichen, und so die Unter-schrift meines Vaters frei zu machen?"

Wenn Sie Jemanden finden, der dazu gefällig genug wäre, so bin ich Ihrgehorsamer Diener."

Ich weiß es nicht.... ich hoffe .... Wollten Sie mir einige StundenAufschub noch geben?"

Herr Richard besprach sich mit seinen Begleitern und sagte:Aus Achtung gegenSie, mein Fräulein, wollen wir bis diesen Abend um fünf Uhr noch warten; keineGnade aber mehr, wenn diese Zeit vorüber ist!"

VIII. Eine Minderjährige.

Gleich nach dieser peinlichen Unterhaltung begab sich Charlotte, von ihrer Magdbegleitet, zu ihrem Vormunde, Herrn Ravin, den sie allein fand und dem sie inKürze das ihrer Familie zugestoßene Unglück erzählte. Er hörte sie stillschweigend anund sagte endlich:

Nun, liebes Fräulein, was gedenken Sie zu thun?«